Review: Rival Sons – Teatro Fiasco & das verräterische Herz (20.02.2017, Berlin)

Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Prolog.

Berlin. Arm, aber sexy. Ansichtssache. Wenn mensch nicht eine Strecke U-Bahn fahren kann, ohne angeschnorrt zu werden, Begleitschutz in so mancher Gegend zu so mancher Zeit angeraten ist, um nicht Leibchen oder Leben zu verlieren und Du nicht unbedingt in einem Luxus Hotel abgestiegen bist, dann kann Berlin – gerade bei Licht besehen – gerade montags so hart wie sein Wasser sein. Dreckig, kalt und arm, nicht besser oder schlechter als jede andere Metropole. Gleichzeitig ist Berlin ’sexy as hell‘ und reich an Kunst und Kultur – angeblich gibt es hier mehr Museen als Regentage, mehr Brücken als Venedig und der Tiergarten ist größer als der Central Park.

Aber janz ehrlich, wen juckt dit. Aber watt ick wirklich mega jut an Berlin finden tue, is das hier so fille Bands ufftreten als wie in keene andre Stadt inne Republik. Außadem fällt dit hier nich uff, wenn die Kleene dialektal ins Heimische abgleiten tut wa. Und du kannst hier Pfannkuchen bestelln und weeßt watte krichst und kene Sau fragt dir, watt denn dreiviertel Ölf nu bedeuten tut. Dit tut jut, tut aber och nüscht zur Sache.

Derrick C. Brown (Foto: Isabelle Hannemann)

Astra Kulturhaus Berlin. Rival Sons. Auch wenn mensch sich angesichts der Merch-Preise  – What the hell, mittelmäßige Bildbände für 50 Euro und Vinyl das dich mal eben `ne halbe Monatsmiete kostet, sind Normalität geworden – gibt es Momente, die das Sein reich und schön machen.

Exposition.

Aufgesogen vom Astra. Musik und Brüste aus den 70er Jahren zucken durch die Säulenhalle. Ein roter Schlaghosen-Cord-Overall oder ein Karo-Miniröckchen wären heute nicht so falsch gewesen. Damn. DJ Howie Pyros intocica radio ist das erste erregende Moment im Teatro Fiasco. Das Programmheft klärt auf, dass seine Plattenteller wahnsinnig (heiß) machen: Auf diesen Abend, auf alles, was nicht jugendfrei ist, auf mehr. Kein Wunder, Pyro hat/te Shows und Projekte von und mit the Cramps, Joey Ramone, Danzig und many more am laufen. Pyros seltsamer Scheiß macht auf jeden Fall an (… und taub, ist’s doch etwas zu laut).

Durch den imaginären Vorhang schlüpft Jay Buchanan höchstpersönlich, um den ersten Akt dieses Fiaskos anzukündigen. Warme Worte für einen Freund, einen dunklen Poeten, den Buchanan länger kenne als seine Bandkollegen.

Climax.

Derrick C. Brown (Foto: Isabelle Hannemann)

Derrick C. Brown. Independent Poetry. Uh-Oh. Brown hat zwischen Keys und Hammondorgel platzgenommen, düstere Sounds wabern ins Publikum, gekonnt, hebt der Clown die Hände und gesteht, er könne gar nicht Klavierspielen, während die Musik seinen Zeilen ein Bett bereitet. Der Poet ist ein Comedian, ein Geschichtenerzähler, der animalische Wände zum Pulsieren bringt, als wohne Edgar Allan Poes verräterisches Herz im Beton und pulsiere. The Tell-Tale Heart – Brown ist ein Meister der gebrochenen Bilder und des bösen Humors, die im Angesicht gesellschaftskritischer wie erektiler Metaphern ebensoviel befreien wie beschämen.

The pulse in the walls.
Dude, she’s not coming.

Der deutsche Müsli-rap-backmischungs-political-correctness-mehr-Pose-als-Poesie-Warmduscher-Slam kann einpacken. Echtes Scheitern, Masturbation, Dreck, Ekel, Lachen und Alpträume, die verstören statt zu belehren, die nicht nach 30 Sekunden eine banale Pointe setzen, sondern um die Ecke rotzen, hypotaktisch taktisch klug einen Wortfetisch erkennen lassen.

Derrick C. Brown (Foto: Isabelle Hannemann)

Fuck U Derrick. Storms are not angel farts. Fuck U Derrick, that’s rock `n roll. I love U. Vielleicht hat’s sprachlich so manche/n herausgefordert, aber wir lieben ja Herausforderungen und feiern die gelungene Verbindung von Poesie und Musik. Surprise.

Some people make love to that music & those babies are really ugly.

Teatro Fiasko.

Scott Holiday – Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Rival Sons. Das Fiasko Fantastico nimmt seinen Lauf. Die Sons spielen mit der Ästhetik der Freakshows und Kuriositätenkabinette, in denen bis in die 1920er Jahre Freaks, die ansonsten keinen Platz in der Gesellschaft hatten, als bizarr, anders und gruselig ausgestellt wurden. Doch statt eines Zyklopenjungen, siamesischen Zwillingen, Zwergen und Hermaphroditen betreten Jay Buchanan (The Brid that sings), Scott Holiday (Mr. Fuzz-Lord), Michael Miley (the flying hands) & Dave Beste (the rock) und Todd E. Ögren-Brooks (The Beardman at the Keys) zum Sergio Leone Intro die Bühne.

The Good, The Bad and the Ugly

Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Zwo, drei, vier. Die glorreichen Halunken strecken alles nieder, auch wenn – der Freak mit dem Dritten Auge weiß nicht warum – die rivalisierende Brut heute weiter weg zu sein scheint, als dies bei anderen Konzerten – ob als Support von Deep Purple [2015] oder Headliner-Clubshows [2015] – der Fall gewesen ist. Vielleicht tragen auch die Räumlichkeiten, der nicht so perfekte Sound, die durchaus hart durchgreifende Security oder andere hohle Knochen etwas dazu bei.1 Doch die Rival Sons sind Profis vom Scheitel bis in die Fußspitzen. Ihre Fans – angereist nicht nur aus allen Teilen der Republik, sondern Europas! – eine unendlich treue Gemeinde tanzender, singender Gitarrennerds, Musikfreaks, Hippies und Co. wissen es zu schätzen. Das Astra heizt sich rasenschnell auf und – wie erwartet – legt auch Buchanan im Laufe des Sets Schuhe und Lederjacke ab.

Freaks

Scott Holiday, Mr. Fuzzloard himself – Dreiteiler, Stilikone, Trennungsgrund -, der unter seinen Acht (!) Gitarren, die er tatsächlich spielt, sicher eine von Duane Allman versteckt hat, fingert sich durch ein ganzes Arsenal psychedelisch getränkter Riffs und spielt sich mit seinen fuzzy Fingers überallhin. Alle Saiten klingen. Das Herz berührt ein anderer.

Scott Holiday – Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Jay Buchanan führt durch’s Teatro Musica, erzählt wie die Band, noch unbekannt, einst hunrig, untergebracht an Orten ohne Fenster oder Wifi, irgendwo in Dortmund oder Düsseldorf im Mc Donalds irgendeines Bahnhofs gelandet sei und dort zum allerersten Mal auf einem großen Bildschirm das Video zu ‚the pressure of time‘ sah. Ein besonderer Moment für eine besondere Band.

Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

„We had a long jurney with you.
This is for you.“

Jordan erklingt. Die Rivas Sons wissen was sie ihren Fans verdanken und geben etwas zurück, zwischen Mr. Mileys Drum-Solo und Holiday-Gitarrensex, finden sich Balladen mit Texten, die das Blut gefrieren lassen. Poesie hat viele Gesichter.

Jay Buchanan – Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Und als könne es nicht näher gehen, widmet Buchanan einen Moment der Dunkelheit. „Suicide is a part of fucking life“, leitet er zu ‚Fade out‘ über. Ein Song, der ihrem lieben Freund Hunter Schwartz gewidmet sein, „who sadly passed away recently„. Vielleicht – das Dritte Auge auf der Stirn erstarrt und weint nach innen – schützt die unsichtbare Mauer, die heute trotz aller Brillanz zwischen Publikum und Band steht, genau davor: Vor der Traurigkeit und Gefühlen, die privat bleiben sollen und dürfen.

Ghost is what you are now
Out there where no one can see you
Gone out in the dark
Somehow I could still feel you

Das verräterische Herz weint still.
Fade out slowly…

The End.

Galerien (by Isabelle „Freak“ Hannemann):

Video Derrick C. Brown:

The Bell House

Jay Buchanan – Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Setlist Rival Sons:

  1. Intro [Ennio Morricone from „The Good, The Bad and the Ugly“]
  2. Hollow Bones Pt. 1
  3. Tied Up
  4. Thundering Voices
  5. Electric Man
  6. Secret
  7. Pressure and Time
  8. Jordan
  9. You Want To
  10. Fade Out
  11. Tell Me Something
  12. Face of Light
  13. Torture
  14. Open My Eyes
  15. Hollow Bones Pt. 2
  16. Keep On Swinging
Dave Beste – Rival Sons (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Links:
www.rivalsons.com
www.facebook.com/rivalsons
www.brownpoetry.com

Veranstalter:
Live Nation GmbH

Lokale Veranstalter:
Karsten Jahnke Konzertdirektion GmbH
TRINITY MUSIC GmbH

Anmerkungen:
1 In jedem Fall verunmöglicht der hauseigene Tour-Fotograf der Sons „Andre-the-Eye-50-€-Bildband“, der sein Equipment und sein objektiv ohne Rücksicht auf Verluste im ohnehin weniger intensiven Fotoslot und dem ein oder anderen Bildaufbau parkt. Wer hat, der kann (mich mal). Mittwollen heißt eben noch lange nicht mitfühlen. Da lobt man sich KollegInnen, die schon mal was von gegenseitiger Rücksichtnahme und Respekt vor der Arbeit der/s Anderen gehört haben.