Review: Gute Stimmung trotz schlechter Umstände bei Fjørt (18.01.2024, Leer)

Die Stimmung jener Menschen, die sich an diesem Abend zum Beispiel auf einem Fjørt-Konzert wiederfinden ist angeschlagen. Die Tatsache, dass sich irgendwo rechte Spinner zu einem geheimen Treffen versammeln, um „Remigrationspläne“ zu schmieden, kann den grauen Januar ja nur noch mehr verhageln. Während die ersten Demonstrationen bereits in Planung sind, ist so ein Konzertabend doch eine willkommene Möglichkeit, in einem Raum mit Menschen zusammenzukommen, die zeigen, dass nicht alles verloren ist. Im Zollhaus Leer ist man sich an diesem Abend einig, dass es nach rechts keinen Millimeter weit Platz gibt. Gerade abseits der großen Metropolen ist es mehr als wichtig, dass es solche Räume für junge Menschen als Anlaufstelle gibt. Dabei besteht das Publikum an diesem Abend nicht nur aus Jugend, sondern zieht sich durch alle Altersschichten.

Eröffnet wird der Abend gehörig krachend durch Kochkraft durch KMA. Das Elektropunk-Quartett aus NRW versteht es, das schüchterne ostfriesische Publikum, dass sich manchmal ähnlich störrisch verhält, wie ‘ne Herde Schafe auf’m Deich, aus der Reserve zu locken. Mit bohrenden Blicken wird die Menge immer wieder dazu aufgefordert, dichter an die Bühne zu rücken – das klappt nicht auf Anhieb, aber Sängerin Lana Van da Vla bleibt selbstbewusst dran. Zugegeben, man kann auch etwas Angst bekommen, vor dem Geschehen auf der Bühne. Es ist übermäßig laut, es donnert und angeschrien wird man auch noch. Zum Glück kommt man zumindest bei der Nazithematik auf den gleichen Nenner. Nazis sind kacke. Remigration auch. So wird schließlich doch noch versöhnlich zusammen getanzt.

Bei Fjørt wird es dann doch recht schnell kuschelig eng vor der Bühne. Das Aachener Trio ist an diesem Abend das erste Mal in Leer und zeigt sich deutlich angetan von den Menschen und der Location. Seit einem Jahr sind sie nun mit dem Material ihres letzten Albums „nichts“ auf Tour und egal ob große Festival- oder kleine Clubbühne, die Spielfreude von Fjørt ist nach wie vor ungebrochen, die haben einfach Bock auf das, was sie tun. Die Setlist ist ein gesunder Mix aus altem und neuem Material und findet vom ersten Ton an großen Gefallen bei den Gästen. Einzige Neuerung im Vergleich zum ersten Teil der „nichts“-Tour ist der brandneue Song „Puls“ der mit ins Set aufgenommen wurde. Über die Live-Qualitäten von Fjørt braucht man kaum noch Worte verlieren, die haben einfach Bock auf das, was sie machen und zeigen dies bei jeder einzelnen Show immer und immer wieder.
Nicht nur Kochkraft durch KMA sondern Fjørt machen ihren Unmut gegenüber dem aktuellen politischen Trend laut und finden Beistand im Leeraner Publikum.

Bleibt stehen
Trotzt der braunen Pest
Um Kopf und Kragen
Wer, wenn denn nicht wir?
Es gibt einen Weg zu gehen,
Und der heißt Niemals dran vorbei
Wir sind uns einig, dass
Ich euch hier keinen Meter weichen werde

Heißt es in „Paroli“, das die Band bereits 2016 veröffentlicht hat, aber das aktueller kaum sein könnte. Denn es reicht eben nicht, gemeinsam in einem Raum mit Gleichgesinnten laut zu sein, die Botschaften müssen auch nach außen getragen werden, dauerhaft und nicht nur dann, wenn die Kacke richtig am dampfen ist. Trotzdem war dieser Abend des gemeinsamen Frustrauslassens eine Wohltat.

Galerien (by Thea Drexhage Bs! 2024)

Setlist Kochkraft durch KMA:

  1. Alle wollen draußen sein
  2. Panzer
  3. Totale Toleranz
  4. Alle Kinder sind tot
  5. Auf jungen Studen lernt man fluten
  6. eierstich
  7. Wir fahren schnellerer
  8. Influencer:innen hassen diesen Trick

Setlist Fjørt:

  1. Nichts
  2. Anthrazit
  3. Feivel
  4. Südwärts
  5. Kolt
  6. Paroli
  7. Puls
  8. Lod
  9. Bonheur
  10. Fernost
  11. Windschief
  12. Couleur
  13. Valhalla
    Encore
  14. Schrot
  15. Lebewohl

Links:
Fjørt
Kochkraft durch KMA

Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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