Der Eremit: Das (2004)
TDM
01.11.2004

Tracklist:

  1. An dich
  2. Strumauge
  3. Neue Sonne
  4. Lu
  5. Die Wahrheit
  6. Lichtbringer (Muttermilch III)
  7. Ozean
  8. Hippiekacke
  9. das
  10. Parolenpolka
  11. Wintersonne
  12. Thanathos
  13. Umarmung
  14. Schweigen
  15. Wer da?

Hört man den Namen Der Eremit, mag man ja fast dazu neigen, an einen keuschen auf einer Säule sitzenden, betenden Mönch zu denken 🙂

Das ist bei dieser Band allerdings nicht unbedingt zutreffend. „Der Eremit“ ist ein 1995 von Bandleader „der Gian“ gegründetes Projekt zur Verwirklichung seiner eigenen Musikvorstellungen. Die ersten Alben waren wohl eher geprägt von elektronischen Klängen, die gegenwärtige Musik hingegen lässt sich schwer in eine bestimmte Richtung einordnen. Zwar hat Der Eremit alles, was eine ordentliche Metal-Band braucht, Gitarren, Drums und Bass, wird aber zusätzlich noch von einem Cello und Industrial-Elementen bereichert.

Als mir der Gesang Gians das erste Mal zu Ohren kam, empfand ich ihn ein wenig als Mischung zwischen ASP und Sopor Aeternus. Die Stimme hat schon etwas krankes, was mich aber selbst kaum stört, im Gegenteil.

Die neuste Scheibe „Das“ ist das 5. Album und das erste, das von einer festen Besetzung hervorgebracht wurde. Vorher wechselten sich bei Der Eremit sämtliche Saisonmusiker ab, sodass keine wirklich „feste“ Band zustande gekommen war. Das Album besteht aus 15 Titeln, teilweise sehr schöne und teilweise einfach nur sehr sehr merkwürdige.
Der interessanteste Song bzw. Text ist meiner Meinung nach.

„Sturmauge“, dessen Gedanken sich rund um das menschliche Auge und seine Fähigkeit zu sehen dreht „Hast du gesehen, wie die Sonne scheint? Hast du es wirklich gesehen? Schau genauer hin...“
Auch „Neue Sonne“ ist ein ansprechendes Werk, da es vermutlich auf allgemeine Erfahrungen anspielt und sich damit beschäftigt, wie man mit der Vergangenheit fertig wird und zu einer „neuen Sonne“ aufblicken kann. Ein ruhiges Lied, das zwar von einer bedrohenden, energischen Stimme geprägt ist, instrumental aber schlicht gehalten ist.

Einer meiner Lieblinge ist „Wintersonne“, wobei mich dabei schon der Name ein wenig verzaubert. Hier werden die Gitarren ein bisschen geschrammelt und das Cello bekommt eine merklich betörende Bedeutung, was aber letztendlich die Gänsehaut hervorruft ist eindeutig Gians schmerzvolle, klagende Stimme, die einen richtig mitleiden lässt. Er besingt hier eine Person (vermutlich eine Frau), die ihm so nahe steht, dass er sich nach ihr verzehrt, obwohl sie die Narben seines Herzens nie bemerkt hatte…

Die danach folgende Kreation ist ein musikalisches Experiment, wie ich finde. „Thanatos“ hat einerseits etwas sehr melodisches, andererseits einen beinahe gestotterten Refrain, der absolut nicht passt, aber gerade darum etwas Künstlerisches bietet – neuartig, aber gut!
Zusammen mit „Wintersonne“ bildet „Umarmung“ mein persönliches Kernstück der CD. In „Umarmung“ steckt wohl die meiste Emotion und auch erstmals eine weibliche Hintergrund-Stimme. Eine direkte Ballade gibt es auf „Das“ zwar nicht, „Umarmung“ ist aber die Romanze, nach der man sich nach den vorigen 12 Titeln wünscht.

Wie vorhin erwähnt existieren auch etwas merkwürdige Titel, wozu z.B. „Parolenpolka“ zählt. Ja, wenn man das schon hört, sind sich Lachen und Weinen nicht ganz einig. „Parolenpolka“ ist eine 50:50 Mischung zwischen Metal- und Elektroelementen, wobei der Text wirklich zu wünschen übrig lässt…buuuh.

Ebenso seltsam wirkt auch „Hippiekacke“. Man kann doch schon an solchen Titeln ahnen, dass sich nichts grandioses dahinter verbirgt… Wobei man auch sagen muss, dass anzunehmen ist, dass Songs wie diese schon der Belustigung dienen sollen (hoffentlich).

Fazit: Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Zwar insgesamt relativ undefinierbare Musik, aber auf jeden Fall markant und experimentell. „Das“ ist eines der abwechslungsreichsten Alben die ich kenne, wenn auch manche Titel umso weniger sinnreich erscheinen. Ein dickes Plus für die eigenartigen aber faszinierenden stimmlichen Variationen von Gian und die Wagnis auf instrumental neue Wege dieser Musik.

Dafür aber auch ein Minus für die einerseits teils wirklich so komischen Texten, dass es schier unmöglich ist, einen Sinn herauszuquetschen, und andererseits auch dafür, dass zwischen Gesang und Musik oft noch ein bisschen eckiges Verhältnis herrscht, woran die 6 Herren noch feilen sollten.