Cellolitis: Prayer (2016) Book Cover Cellolitis: Prayer (2016)
no label
22.11.2015
www.cellolitis.de

Tracklist:

  1. home
  2. morning prayer
  3. leaving home
  4. long journey
  5. calling my friends
  6. Vatansizlar
  7. the stranger
  8. dunkelste Stunden
  9. my story
  10. the funeral
  11. into the light

Prayer. "Elf Celloquartette aus tiefster Seele." Wie kann man das aushalten? Die Ruhe, die Pausen, das auf sich selbst Zurückgeworfensein. Wo ist der Rock, das psychedelische Geschrabbel. Wo die Clownerie und Prosa, Elemente mit denen es Cellolitis der Welt so leicht gemacht hat, in kleine Geschichten einzutauchen. Das Beziehungsdrama, das schreiende Himmelblau, die Bilder sprechend, die Pointen gezielt, die Effekte und Loops so clever gesetzt.

Cellolitis – Nikolaus Herdickehoff und seine hölzerne Schönheit, das Cello Umbra – haben die heiteren Geschichten zu Ende gedacht. Was kommt nach dem Happy End und auf wessen Kosten? Wenn das himmlische Blau sich zusammenzieht und die Liebe dem Schmerz preisgibt, brechen die dunkelsten Stunden an.

Dunkelste Stunden

"Das sind die Stunden, die wir nicht begreifen!
Sie beugen uns in Todestiefen nieder
Und löschen aus, was wir von Trost gewußt,
Sie reißen uns geheimgehaltene Lieder
Mit blutend wunden Wurzeln aus der Brust.
Und doch sind das die Stunden, deren Last
Uns Stille lehrt und innerlichste Rast
Und die zu Weisen uns und Dichtern reifen“

(Hesse, Dunkelste Stunden)

Die Welt betrachtet, das Sterben des Wahren im konsumerablen Brei, im Einerlei, in hochglanzpolierter Nichtigkeit. Cellolitis ist reduzierter, mutiger in dem, was er zumutet, echter. Ruhiger ohne stillzustehen. Cellolitis wählt die Saiten so bedächtig wie die Worte, leiht sich Hesses Zunge, scheint die Risse in der Fassade eitern zu sehen ohne den Schorf von den Wunden zu kratzen. „Prayer“ ist kein Gebet, das sich Erlösung erbittet, von einer vermeintlichen Autorität, die die Zweifler in Normale, Gute und Glückliche und die armen Anderen scheidet.

„Glücklich der, der ein Symptom hat.“ (Prayer)

„Prayer“ ist mehr als Fürbitte, mehr als eine Textkollage all dessen, was wir diffus erfassen, kaum (be-)greifen können im einer komplexen, mörderisch reichen Welt. Nicht belehrend, nicht verzweifelnd. Hungrig nach allem.

„Die Normalsten sind die Kränkesten.
Und die Kranken sind die Gesündesten“ (ebd.)

Vielleicht sind die empfindsamen Seelen aufgerieben, doch wenn das, was an den Wundrändern wächst, das was abseitig und ungewollt sich Bahn bricht wie das Cello, das unter den Händen eines Betenden singt, so bringt diese schöne neue Welt hervor, was sie zu vernichten trachtet. Etwas anderes. Unkontrolliert, frei, melancholisch und rau. Ein herrliches Symptom, diese unartige Kunst.

„Prayer“ ist ein Anfang.

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Hieronymus Mink