Review: Fjørt – Hoffnung, Schlachthof! (25.03.2026, Bremen)

Jule (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Fjørt und Schlachthof, das geht halt wie Arsch auf Eimer – oder Bass auf Schädel (dazu später mehr). Das Aachener Trio hat es sich nicht nehmen lassen, auch mit der neuen Platte Belle Époque wieder in Bremen vorbeizuschauen. Als Support dabei hatten sie Jule, die mittlerweile hoffentlich einen Ehrenschlüssel für die Stadt hat, gehört sie doch schon fest zum Inventar. Obwohl Jule und Fjørt musikalisch vielleicht nicht eng zusammenliegen, ist das ein ganz gutes Match. Wut, Trauer, Angst aber auch ein bisschen Hoffnung verbinden die Songs beider Künstler*innen. Und vor allem die Hoffnung ist es, für die die Gäste an diesem Abend gekommen sind.

Jule hat im letzten Winter auch ein neues Album rausgehauen: Es ist nie zu spät für Frühstück – war damit bereits im Eisen, kommt als Support für Tyna (11.4.) noch in die Zollkantine und beim Fair Weather Fest im Juni schaut sie auch vorbei. Ist schließlich ein Katzensprung aus Hamburg! Gefrühstückt wird in der Kesselhalle zwar nicht, aber dafür ordentlich aufgetischt. So gibt’s die traurig-wütenden Indie-Songs in voller Bandbesetzung zu hören, das klappt dann auch beim Fjørt-Publikum, welches es ja gern etwas lärmiger hat. Emotionen können die aber auch und sind bei intimen Songs wie beruhig dich, du stirbst nicht ganz Ohr. Gern hätte Jule noch ein paar mehr Songs spielen dürfen!

Jule (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
Fjørt (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Der Schlachthof ist zwar nicht ausverkauft, aber so richtig viele Lücken findet man in der Menge trotzdem nicht. Als Fjørt die Bühne betreten, wird es vor allem im Innenraum etwas kuscheliger. Das Set wird gemächlich mit dem neuen Aer eröffnet, bevor es mit Südwärts und Anthrazit einen Ausflug in die früheren Platten gibt. Auch nach etlichen Tourterminen ist die Band noch bei bester Laune und entfesselt die gewohnte Energie. Das Publikum ist ganz dabei, doch heftiges Geschubse oder zu große Moshpits bleiben an diesem Abend aus. Man hört lieber zu, schreit mit, reckt die Faust – Gründe wütend zu sein gibt es wahrlich genug, Orte diese zu kanalisieren hingegen nicht. Dafür ist der dieses Konzert genau richtig.

Wir leben in Hakenkreuz-Zeiten, la resistance, Zeit euch zu zeigen.

Ein bisschen brutal wird es aber doch. Eine der schönsten Eigenschaften des Schlachthofs ist die niedrige Bühne und die oftmals fehlende Barrikade. Man ist also ganz nah dran. Wenn dann aber ein um die eigene Achse wirbelnder Bassist daherkommt, dann kann es doch mal knallen. Die Show wurde direkt unterbrochen und sich hervorragend um die getroffene Person gekümmert, die nur wenige Minuten später wieder strahlend in der ersten Reihe stand. Als dann noch das Schlachthof-Team mit einem Bauarbeiterhelm um die Ecke kam, wurde der ganz kurz gekippten Stimmung ein kleines Sahnehäubchen mit Kirsche aufgesetzt. Dass es doch so viel zu lachen geben würde, hätte man vor der Show wohl nicht erwartet.

Fjørt (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Die Songs von Belle Époque klingen wütender denn je und stechen in der Setlist deutlich hervor. Die Performance der Band ist wie immer makellos, aber ein bisschen mehr Lautstärke wäre nicht verkehrt gewesen. Lobend erwähnt werden muss zudem der pointierte Einsatz der Videoleinwand, welcher beim Song mir wirklich für Gänsehaut sorgt. Arschlöcher, Despoten und Kriegstreiber flackern für wenige Sekundenbruchteile über die Leinwand, dazwischen auch paar ein Bilder der leisen Hoffnung.

Fjørt (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)

Auch bei den Ansagen zeigt sich die Band gewohnt politisch. Vor ´43 gibt David seinen Bass ab, erklimmt die Empore und hält eine flammende Rede, warum sich eben all diese Ereignisse aus den 1930er und 40er Jahren nicht wiederholen dürfen, bevor er sich in die Menge schmeißt, die das mit dem Fangen hingegen nicht ganz verstanden hat. Ohne auch nur eine Note zu verpassen, geht es zurück auf die Bühne – Chapeau dafür. Das nächste Mal vielleicht Helmpflicht für alle.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2026)

Setlist Jule:

Jule (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
  1. schwer
  2. Ganz leicht
  3. Bis zur Erschöpfung
  4. Neuer Song
  5. An der Bar
  6. Beruhig dich, du stirbst nicht
  7. Sag mir
  8. Neuer Song

Setlist Fjørt

Fjørt (Foto: Thea Drexhage bs! 2026)
  1. Aer
  2. Südwärts
  3. Anthrazit
  4. Kolt
  5. Windschief
  6. Mir
  7. Lod
  8. Bonheur
  9. Fernost
  10. Messer
  11. ’43
  12. Couleur
  13. Valhalla
    Encore:
  14. yon
  15. feivel
  16. Nacht

Links:
Fjørt
Jule

Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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