Review: Slime – Aktueller denn je! (22.02.2020, Bremen)

Slime (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Wie scheiße muss es eigentlich für eine Band sein, nach 40 Jahren über die gleichen politischen Themen zu singen, ohne, dass sich so richtig was verändert hat – im Gegenteil: der Berg an Müll den wir über uns ergehen lassen wächst und wächst und wächst. Umweltprobleme, Gentrifikation, Kriege und Flucht und vor allem diese ewige, ewige eeeeeewige Nazischeiße. Man sollte es Slime gönnen, sich auch mal mit schönen Themen zu befassen, aber dafür fehlt einfach die Zeit und ihre Texte bleiben aktuell und relevant wie eh und je.

Nervous Assistant (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Das wissen auch die Bremer*innen und finden zum miteinander wütend sei im Kulturzentrum Schlachthof zusammen. Man muss aber keine 40 Jahre aktiv sein, um politisch motivierte Songs zu schreiben, auch zahlreiche aktuelle Künstler*innen nehmen sich das ak.tuelle Weltgeschehen zum Anlass, um ein paar schallende Antifa-Songs zu schmettern. Das Warm-Up in Bremen übernehmen die lokalen Nervous Assistant, zwar versteht man auf Grund des Sounds nicht wirklich, wovon die Herren da singen, aber sie sind wütend. Verständlich, die Stimmung in Bremen ist aufgeladen. Der rechte Terror aus Hanau liegt erst einige Tage zurück und auch Bremen musste in dieser Woche Einiges einstecken. So wurde das Kulturzentrum „Der Friese“ während und nach eines Konzerts Opfer zweier Brandanschläge und auch dort ist ein rechter Hintergrund der Täter nicht auszuschließen.

Musikalisch bieten Nervous Assistant nichts überragend Neues – schierer Hardcore Punk ohne Wenn und Aber. Das Publikum nimmt’s zum Anlass für die ersten trunkenen Schubsereien. Die Band zeigt sich dankbar.

Sie wollen wieder schießen dürfen
Sie wollen wieder Zäune ziehen
Seine Heimat muss man schützen
Sie laden schon ihr Magazin

Slime (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)
Slime (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

Kurze Zeit später übernehmen Slime. Der Schlachthof füllt sich noch einmal merklich. Das Publikum ein wilder Mix aus Menschen, die schon vor 40 Jahren alles Scheiße fanden und einer Menge junger Leute, die sich über das gleiche System wie damals aufregen. Die einen beobachten aus der Sicherheit der Ränge, die anderen reagieren sich im Moshpit ab. Die Band ist in bester Form, allem Ernst zum Trotz findet sich in den Ansagen auch noch Platz für etwas, das Bremen und Hamburg im Herzen verbindet: Fußball. Wenn Dirk dann mal zu seinen Ansagen kommt. Bei jedem kritischen Wort des Sängers beginnt die Menge mit ihren „Nazis raus“ schreien, prinzipiell super, aber im Schlachthof sind sich darüber doch eh alle einig. Lasst den Guten doch mal zu Wort kommen!

Slime spielen an dem Abend überwiegend aktuelles Material, nicht mehr ganz so wild, deutlich melodischer und klanglich nicht mehr ganz so weit entfernt von Die Toten Hosen und Co. Die Leute im Moshpit kratzt das nicht und die Leute auf den Rängen haben es leichter, die Faust zu heben und mitzubrüllen. Bisschen mehr Folk bringt Gast Bill Collins, der gemeinsam mit Elf von Slime die Rabble Rousers bildet, mit – da wird selbst auf den Rängen das Tanzbein geschwungen.

Deutschland muß sterben, damit wir leben können!

Kurz vor Ende gibt’s dann mit „Deutschland“ aus den frühen 80ern doch noch einen auf den Deckel. Musikalische Entwicklung hin oder her: Am Ende haben es Slime noch immer ziemlich drauf!

Galerien: Thea Drexhage bs! 2020

Setlist Slime:

Slime (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)
  1. A.C.A.B.
  2. Hey Punk
  3. Legal, illegal, scheißegal
  4. We Don’t Need the Army
  5. Alptraum
  6. Alle gegen alle
  7. Die Toten wollen wieder alleine sein
  8. Artificial
  9. Untergang
  10. Sie wollen wieder schießen (dürfen)
  11. Kein Mensch Ist Illegal
  12. Gewalt
  13. Hier und jetzt
  14. Ebbe und Flut
  15. Ich kann die Elbe nicht mehr sehen
  16. Wem Gehört Die Angst
  17. Goldene Türme
  18. Schweineherbst
    Encore:
  19. Mensch
  20. D.I.S.C.O.
  21. Störtebecker
  22. Deutschland
  23. Religion
  24. Let’s Get United

Links:
Slime
Nervous Assistant

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.