Review: Linkin Park, HIM, Nerd (26.07.2008, Berlin)

Foto: Torsten Volkmer
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Es war bereits gegen fünf Uhr nachmittags ziemlich voll am Eingang zur Waldbühne Berlin. Hunderte, Tausende Musikliebhaber, vom Teenager und Twentysomething bis zu kompletten Familien fanden trotz des Regens ihren Weg zum Veranstaltungsort – die Hoffnung auf besseres Wetter wurde durch den einen oder anderen Sonnenstrahl genährt. Wie bei Veranstaltungen dieser Größenordnung üblich, wurden alle Besucher am Eingang auf Waffen und verbotene Gegenstände überprüft – Glasflaschen waren an der Waldbühne nicht erlaubt. Die Kontrollen waren jedoch etwas lückenhaft – so wurde nur der Oberkörper überprüft.

Die Waldbühne befindet sich am Boden eines hübschen Amphitheaters das – wie der Name schon sagt – von Wald umgeben ist. Der in mehrere Abschnitte aufgeteilte Zuschauerraum war gegen 18:30 Uhr noch nicht voll – obgleich die Show ausverkauft war. Später am Abend war die Waldbühne gerammelt voll mit Zuschauern, die 60 Euro für ihre Tickets angelegt hatten. Das Konzert am 27. Juni war der zweite von drei Auftritten für Linkin Park im Rahmen ihrer „Project Revolution“-Tour in Deutschland. Dieses Projekt, das 2002 in den USA begann, vereint Fans und Künstler verschiedener Musikrichtungen, wie etwa Rock und Hip Hop. In diesem Jahr wird das erfolgreiche Projekt zum ersten Mal nach Europa importiert.

Als Opener agierte eine amerikanische Band: N*E*R*D aus Virginia sind schwer einzuordnen, mischen sie doch Alternative Rock und Hip Hop mit dem einen oder anderen R&B-Element. Exakt um 19:02 Uhr (und damit sieben Minuten später als geplant) betraten die Amerikaner die Bühne und nutzten ihre 38-minütige Spielzeit für acht Songs, die das ideale Aufwärmprogramm für die Menge waren. Der erste Song, „Anti Matter“ aus dem aktuellen Album „Seeing Sounds“ (2008) löste sofort ein Meer von Händen im Zuschauerraum aus, die zu der Musik wippten. Der Regen hatte endlich aufgehört, obwohl es noch immer ziemlich windig war. Während der nächsten Songs „Brain“ (Fly or Die, 2004), „Kill Joy“ (08) und „Rock Star – Poser“ (In search of…, 2001) wurde schon zum Groove geklatscht und N*E*R*D heizten die Stimmung mit ihren Ansagen à la „Berlin, make some noise“ weiter an. Die ersten Fans enterten schon die Bühne, feierten eine Party mit der Band und übersetzten auch die eine oder andere Ansage des Sängers Pharrell Williams für die Zuschauer – die sich auf ihre Weise mit viel Beifall bedankten. Nach einem dem Rezensenten unbekannten Song schlossen sie ihre Show mit den Liedern „Lapdance“ (01), „Everyone Nose“ (08) und „She Wants to Move“ (04) ab. Während der letzten beiden Songs machten die männlichen Fans auf der Bühne ein paar gutaussehenden Damen Platz, die mit einem breiten Grinsen zeigten, was sie hatten und sogar während des Konzertes Fotos mit den Bandmitgliedern machten. Lustig.

Foto: Torsten Volkmer

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Eine Pause von 25 Minuten wurde genutzt, um die Bühne für die nächste Band – H.I.M. – vorzubereiten. Dazu wurden Teppiche ausgelegt, die den Aktionsradius der Finnen während des Konzertes markierten und der Bühne ein Proberaum-ähnliches intimes Flair verliehen. Um 20:05 Uhr betraten H.I.M. die Bühne und eröffneten ihr Konzert mit „Passion’s Killing Force“ von ihrem neuesten Album „Venus Doom“ (2007) – sehr zur Freude der begeisterten Zuschauer. Der eine oder andere erinnerte sich beim Anblick des violetten Mikrofons, das Ville Vallo passend zu seiner Mütze ausgesucht hatte, an Tarja Turunen, die ehmalige Nightwish-Sängerin. Diese hatte ebenfalls – wohl eine Eigenart finnischer Musiker – stets zu ihrem Outfit farblich passende Mikros im Handgepäck. Unbeeindruckt von derlei modischen Vergleichen spielten H.I.M. den Klassiker „Right here in my Arms“ (Razorblade Romance, 99), der vergleichsweise sparsamen Applaus erntete. Ville ließ sich jedoch seine gute Laune nicht nehmen und lobte die Zuschauer mit „Very good Singing“ für ihren guten Gesang.

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Das nächste Lied, „Rip Out the Wings of a Butterfly“ (das einzige Lied vom 2005er Album „Dark Light“) fand dann gleich viel mehr Anklang, H.I.M. hatten jedoch nach der tollen Party während des N*E*R*D-Konzertes noch immer einen schweren Stand. Trotzdem gab es zum Ende jeden Songs einen respektablen Applaus für die Finnen, die als nächstes mit „Buried Alive by Love“ (Love Metal, 2003) beweisen wollten, dass sie, so Ville Vallos Ansage, tatsächlich eine Rockband sind. Die Mühe hätten die Jugns sich sparen können, denn mit ihrem als nächstes gespielten Gothic-Metal-Klassiker „Join Me“ stellten sie ihre wahren Qualitäten unter Beweis. Kitschig oder nicht, die Zuschauer sangen aus vollen Lungen mit. Die nächsten Lieder waren „The Kiss of Dawn“ und „Soul on Fire“. Nach dem Song „Bleed Well“ lobte Ville sich mit einem seiner verschrobenen Kommentare selber: „Yeah, it’s good. The album is pretty good“. Das Konzert ging mit „Funeral of Hearts“ (03) und dem Billy-Idol-Cover „Rebel Yell“ zuende und Ville Vallo ließ es sich nicht nehmen, mit einer gewissen Ironie die Headliner, die „great, fantastic Linkin Park“ anzukündigen. Den folgenden Jubel quittierte der Sänger mit einer weiteren ironischen Bemerkung – die Aufmerksamkeit der Fans zu erregen, sei ja sehr einfach. So komisch es klingen mag, schien es doch, dass H.I.M. genau wussten, dass sie nicht die Hauptpersonen des Abends waren – und sie waren sich nicht zu schade, darüber zu witzeln. Während des letzten Songs und danach taute die Menge sichtlich auf und sang den Refrain lauter als zuvor mit. Ville, der den vor der Bühne aufgebauten „Finger“ nicht genutzt hatte, um näher an seinen Fans zu sein, verließ nun die Bühne und ein Instrumental schloß das fünfundfünfzigminütige Konzert um 21 Uhr ab.

Der Augenblick der Wahrheit für die Headliner des Abends rückte näher und näher und im Zuschauerraum der brechend vollen Waldbühne war der Lärm ohrenbetäubend. Direkt, nachdem H.I.M. aufgehört hatten zu spielen, begannen die ersten Ungeduldigen, nach Linkin Park zu schreien, doch eine halbstündige Umbaupause stand dem noch im Wege. Die zur EM herrschende Fußballverrücktheit hatte auch vor dem „Project Revolution“ nicht Halt gemacht: Zwischendurch erklangen immer wieder „Finale“-Rufe oder die mittlerweile allgegenwärtige Melodie von „Seven Nation Army“ der White Stripes aus der Menge – sogar N*E*R*D hatten das Thema während ihres Konzertes aufgegriffen. Die Stimmung war insgesamt klasse, fröhlich und entspannt. Einige kleinere organisatorische Probleme konnten die gute Laune der Anwesenden nicht trüben: Zwar sollten alle Besucher der Zuschauerabschnitte in der Nähe der Bühne einen Stempel bekommen, um Überfüllung dieser begehrten Plätze zu vermeiden, doch war das längst nicht bei allen passiert – und einige, die sich für ein Bier (oder das Gegenteil davon) auf den Weg nach oben gemacht hatten, fanden zu ihrem Ärger den Rückweg versperrt.

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Gegen 21:30 wurde das große Linkin-Park-Banner langsam gehisst – und die Menge brach in frenetischen Jubel aus. Das Konzert begann mit einem Klaviersolo von Mike Shinoda, das in das Intro zu „What I’ve Done“ (Minutes to Midnight, 2007) überging. Brad Delson, der Leadgitarrist, spielte sein Solo vorne auf der Bühnenerweiterung, vor Tausenden Fans, die die Lyrics mitsangen. Das zweite Lied war „Faint“ (Meteora, 2003), das durch begeisterten Applaus der Fans in „No more Sorrow“ (07) hinübergetragen wurde. Chester Bennington sang die meisten dieser Lieder auf dem „Finger“ vor der Bühne, während die Zuschauer mit zum Himmel gereckten Armen sprangen, was das Zeug hielt. Das war nur eines der vielen Highlights, die noch folgen sollten. In der Mitte der Moshpit ging es bald recht ruppig zu und die ersten Personen wurden von den Sicherheitsleuten herausgezogen. Sie und alle anderen Besucher der Waldbühne bekamen eine Chance, sich bei „Wake“ (07) etwas abzukühlen, bevor jeder zu „Given Up“ (07) mitklatschte. Chester, dessen Stimme gut in Form war, leistete sich während des Konzerts keine größeren Schnitzer, was angesichts der ständigen Stimmwechsel bemerkenswert ist. Während Joe Hahn, der Mann an den Turntables, das Intro zu „Lying from You“ performte, wandte sich Mike an die Zuschauer und ermunterte sie, ihre Hände zu zeigen.

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Das Konzert ging mit „Don’t Stay“ (03) weiter, während trotz des Foto- und Videoverbotes auf dem Gelände hunderte Zuschauer Schnappschüsse für ihr Andenkenalbum machten. Auf dem Keyboard, das zwischen zwei Songs auf die Bühne gebracht wurde, prangte zur Freude der Menge eine große Deutschlandfahne und Chester wandte sich an die Fans mit den Worten „What a beautiful crowd we have here tonight. We wanna thank you for coming here“. Für einen Moment hörte man nur ihn, die Drums und die „Linkin Park“ schreienden Fans. Das nächste etwas langsamere Lied, „In Pieces“ bot für die moshenden Fans direkt vor der Bühne eine willkommene Gelegenheit, das Konzert auf Fotos zu verewigen, denn durch die fehlenden Pausen zwischen den Liedern gab es sonst wenig Gelegenheit zum Verschnaufen: Nach den letzten Akkorden eines Songs folgten direkt die ersten Akkorde des nächsten Liedes. Mit „Somewhere I Belong“ (03) folgte direkt das nächste Highlight und dann hob Mike an, die ersten Zeilen von „Points of Authority“ zu rappen. Gegen Ende des Liedes wurden die „Finale“-Chöre wieder lauter. Mike bedankte sich bei den Zuschauern für den tollen Erfolg von „Minutes to Midnight“, das seit seinem Release vor über einem Jahr konstant in den Top 40 und damit das bestverkaufte Rockalbum der letzten 10 Jahre sei. Das obligatorische „We have the best fans in Germany“ steuerte Chester bei. Die Beiden baten dann ihre Crew, das Bühnenlicht für den nächsten Song zu löschen und die Fans, ihre Feuerzeuge, Handys und sonstigen Lichtquellen zu leuchten – der langsame und schöne Song „Leave Out All The Rest“ (07) wurde gespielt. Zu den Melodien des Mr. Hahn schrien sich die Fans – wenn das überhaupt möglich ist – zu „Numb“ (03) noch mehr die Lungen aus dem Leib. Das Piano-Finale des Liedes ging über in „Shadow of the Day“, bei dem Chester wiederum an der Gitarre war, während Brad ein weiteres Solo spielte. Alle, vom Boden bis zu den obersten Stufen des Amphitheaters, klatschten nun frenetisch

Foto: Torsten Volkmer

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mit – klasse! Das Lied „Valentine’s Day“ wurde nun gefolgt von einem kurzen Intro vor „Crawling“ (Hybrid Theory, 2000). Das nächste Lied war „In the End“ (00), das von intensivem Beifall begleitet wurde. Chester und Mike standen auf dem Bühnenausleger und Mike hielt das Mikro in die Menge, die begeistert mitsang. Der zuvor noch bewölkte Himmel war nun sternenklar – die Wolken hatten sich verzogen. Ein Hit folgte auf den nächsten, bis während „Bleed it Out“ Brads Gitarre ausfiel. Das Auditorium gab weiter den Rhythmus vor und Chester kommentierte das mit „That’s all we need“, während Mike begann zu rappen. Irgendwann während des Liedes funktionierte dann auch wieder die Gitarre. Nun konnte Rob Bourdon sich mit einem großartigen Drumsolo profilieren, bevor der Refrain von Chester erneut wiederholt wurde und alle mitsangen. Gegen 22:39 Uhr verließen Linkin Park nun für etwa fünf Minuten die Bühne – vor der Bühne dachte aber noch niemand ans Aufhören. Lautstarke Rufe nach Zugaben verleiteten Chester zum Lob „You guys kick some ass“, bevor die Band die erste Zugabe spielte: „Pushing me Away“ (00) wurde gefolgt von „Breaking the Habit“ (03). Alle Musiker bis auf Brad verließen um 22:52 die Bühne erneut – der Gitarrist spielte einige seltsame Effekte, die das Intro für „A Place For My Head“ bildeten. „One more?“ fragte der Sänger – die Besucher bekamen noch einen letzten Song zu hören: „One Step Closer“ (00). Das Konzert war pünktlich um 23:00 Uhr zuende. Während des ganzen Konzertes waren die Zuschauer unglaublich aktiv und feierten die Band bei jedem Lied – diese honorierte das mit einem großartigen Konzert und einer durch und durch professionellen Performance. Jeder Linkin-Park-Fan war sicher voll zufrieden mit diesem Abend.

SETLIST :

  • N*E*R*D
  1. Anti Matter
  2. Brain
  3. Kill Joy
  4. Rock Star – Poser
  5. Lapdance
  6. Everyone Nose
  7. She Wants to Move

 

  • H.I.M.
  1. Passion’s Killing Floor
  2. Right Here in My Arms
  3. Rip Out the Wings of a Butterfly
  4. Buried Alive by Love
  5. Join Me
  6. Kiss of Dawn
  7. Soul on Fire
  8. Bleed Well
  9. Funeral of Hearts
  10. Rebel Yell

 

  • Linkin Park
    Foto: Torsten Volkmer

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  1. What I’ve Done
  2. Faint
  3. No More Sorrow
  4. Wake
  5. Given Up
  6. Lying from You
  7. Don’t Stay
  8. In Pieces
  9. Somewhere I Belong
  10. Points of Authority
  11. Leave Out All the Rest
  12. Numb
  13. Shadow of the Day
  14. Valentine’s Day
  15. Crawling
  16. In the End
  17. Bleed it Out
  18. ————-
  19. Pushing Me Away
  20. Breaking the Habit
  21. A Place for my Head
  22. One Step Closer

 

Konzertfotos: