Review: Der Tastenspieler über dem Nebelmeer – Martin Kohlstedt (14.11.2025, Oldenburg)

Das Bühnenbild ist einfach gehalten: Ein großer Flügel, ein paar Synthesizer, Knöpfe, Kabel und ein zentrales, ungewöhnliches Beleuchtungselement. Dazu eine bestuhlte Kulturetage an einem ausverkauften Abend: Martin Kohlstedt ist in Oldenburg und das möchte man sich selbstverständlich nicht entgehen lassen.

Martin Kohlstedt (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Nach und nach finden sich die Menschen auf ihren Plätzen ein und halten noch das ein oder andere Schwätzchen. Die Hintergrundmusik ist leise, durchzogen von Naturgeräuschen und Vogelgezwitscher. Fast unmerklich wird die Lautstärke erhöht, was irgendwann ganz organisch dazu führt, dass die vielen Stimmen im Saal verstummen. Es ist nach 20 Uhr. Zeit, dass die Show beginnt. Als es leise wird, wird auch das Saallicht gedimmt und ein sichtbar gut gelaunter Martin Kohlstedt betritt den Raum, verbeugt sich kurz und platziert sich inmitten seiner Instrumente. Leise geht es los am Flügel, bevor er sich mehr und mehr in die Musik steigert.

Martin Kohlstedt (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Kein Konzert von Martin Kohlstedt gleicht dem anderen. Zwar zitiert er immer wieder seine Albumaufnahmen, doch rundherum stehen die Abende im Zeichen der Improvisation – einen ungefähren Fahrplan scheint er dabei nicht zu haben, zeigt er sich in den Ansagen zwischen den Stücken doch immer wieder selbst davon überrascht, was dort gerade auf der Bühne geschehen ist. Manchmal klingt es, als würde er seine Arbeit selbst bewerten, mal entschuldigend, dass es doch wilder wurde, als geplant, mal nachfragend, was das Publikum denn nun gern hätte. Immer wieder versucht er dabei den Gästen seine Improvisationsmethodik zu erklären. Mal enden die Stücke ganz langsam und leise, mal als lauter Knall – immer gefolgt von begeistertem Applaus.

Martin Kohlstedt (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Das Publikum klebt an Kohlstedts Fingerspitzen. Nicht mal ein Nuscheln ist im Saal zu hören. Beeindruckend, gerade in den leisen Passagen, in denen plötzlich jedes Nebengeräusch, jedes noch so leise Atmen, Niesen, Schlüsselklappern wie eine Störung wirkt. Der Musiker gibt immer wieder zu verstehen, wie zufrieden er mit Location und dem Abend ist – wie geborgen man sich in der Kulturetage fühlen kann.

Während die Gäste in warme Klänge eingewickelt werden, wird der Künstler stetig in passendes Licht gehüllt – für die Verantwortlichen gar nicht so einfach, wissen sie schließlich nicht, was als nächstes auf der Bühne geschieht – manchmal wirkt es, als würde Martin Kohlstedt absichtlich das Licht abgedreht werden, damit ein Stück endlich ein Ende findet – ein bisschen Witz darf an so einem Abend schließlich auch nicht fehlen.

„Thüringen hat gute Nachrichten nötig“

Erst gegen Ende spricht der aus Weimar kommende Künstler noch über sein zweites Herzensprojekt neben der Musik: dem Wald und der standortgerechten Aufforstung. So nutzt er die Einkünfte aus der Musik, um neues Land zu kaufen und mit Hilfe vieler Freiwilliger wieder zu renaturieren. Laufende Infos darüber erhält man auf Kohlstedts Homepage oder direkt im Anschluss an das Konzert im direkten Gespräch.

Martin Kohlstedt (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Eine gute Sache. Eine gute Show – die gern auch hätte noch länger gehen dürfen!

Galerie (by Thea Drexhage bs! 2025)
Martin Kohlstedt (14.11.2025, Oldenburg)

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Thea Drexhage
Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.

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