Review: Wave Gotik Treffen 2011 –Sonntag 12.06.2011

Irgendwie war es ein erschlagendes Gefühl an diesem Sonntag aus den Bettfedern zu krabbeln und zu wissen: hey heute ist zwar der vierte Treffentag aber noch lange nicht Schluss! Jawoll, ich gebe gerne zu, ein bisschen abgerockt fühlte ich mich schon, als ich mir in Ermangelung eines morgendlichen Kaffees eine eiskalte und halb gefrorene Büchse Bullenbrause hinter die Binde zu kippen versuchte. Wohlgemerkt, versuchte! Was zu Hölle war bloß in den Kühlschrank gefahren, der gestern noch in einem Anfall von Warmherzigkeit zeitweilig als Schmelzofen fungiert hatte? Geduldig an meinem Taurin Eis-Matsch nuckelnd, welcher da zäh aus dem Weißblech bröselte, warf ich einen Blick auf den heutigen Programmplan um mich zu versichern, dass sich wieder mal einige der spannendsten Bands mit todsicherer Wahrscheinlichkeit überschneiden würden. Während sich Camouflage auf Basis zahlreicher Kommentare später als die beste Wahl herausstellen sollten, stand neben dem Britischen Mega Paket Fields Of The Nephilim und Killing Joke auch noch der metallische Schwedenhappen Katatonia zur Disposition. Letzteren hatten die Veranstalter zeitlich jedoch dermaßen ungünstig in das Pantheon gesteckt, dass es zumindest für mich keine sinnvolle Alternative für das auf dem Papier verdammt starke Agra Programm sein konnte.

So entschied ich mich den aktuellen Treffentag langsam angehen zu lassen und seit 2008 mal wieder einen Abstecher in das Heidnische Dorf zu wagen. Im Nachhinein war dies dann auch die einzig vernünftige Entscheidung des Tages, denn das viel versprechende Musikprogramm in der Agra Halle vermochte mich mit einer Ausnahme heute nicht zu überzeugen. Doch dazu später mehr.

Erst einmal rumpelte ich mit der Tramlinie 11 in Richtung Markkleeberg. Da ich nicht, wie in den Vorjahren, über eine Obsorge Karte verfügte und somit der direkten Weg über den Zeltplatz ins Heidnische Dorf ausschied, war ich gespannt ob der mysteriöse Umweg über die Straßenbahnhalte „Leinestraße“ sich tatsächlich als so umständlich erwies, wie ich ihn mir immer eingeredet hatte. Es stellte sich heraus dass man sich, wie so oft im Leben, von Vorurteilen nicht täuschen lassen und das Geld für die Obsorge Karte, zumindest für eine direkte Passage über den Zeltplatz, besser stecken lassen sollte. Die Route Trambahn – Heidnisches Dorf, war im Verhältnis zum Marsch durch das Camp ein- vielleicht zweihundert Meter länger und damit im Verhältnis zum Laufpensum des Wochenendes kaum der Rede Wert.

Ich will auch nicht verhehlen, dass mich der Spirit des Mittelalters heute von der ersten Sekunde an packte. Bei bestem Ausflugswetter (20 Grad und Blauer Himmel) war das aber auch nicht weiter verwunderlich. Nur hinein in das Heidnische Dorf musste man erst einmal gelangen. Bis ans vordere Straßenende, wo ein Aufklärungstrupp Flyer zu verschiedenen heidnischen Symbolen verteilte, formierte sich eine mysteriöse Menschenschlange. Die wollten doch nicht etwa alle in das Heidnische Dorf?!

Irgendwo auf halber Höhe folgte die Entwarnung. So wollten die Hundertschaften nur auf den heidnischen Topf. Wobei das Verhältnis 200 Ärsche zu einer Schüssel dann doch ein wenig unfair. Zulasten der Schüssel verteilt war. Vielleicht hätte man hier, ganz mittelalter-like, noch ein paar Plumsklos ausheben sollen?! 😉

DAS HEIDNISCHE DORF

Das Heidnische Dorf konnte sich seinerseits auch nicht über mangelnden Zulauf beklagen. Die Masse Mensch welche sich durch das erstaunlich weitläufige Areal hinter dem Torhaus Dölitz schob kratzte schon hart an der Wohlfühlgrenze. Andererseits sprach der Andrang wieder einmal für die unvergleichliche Atmosphäre des Dorfes, mit seinen von Handwerksbuden, Marktständen, Lagerstätten und Holzbühnen gesäumten Bäumen und Wiesen. Bei diesem Prachtwetter ging einem hier wahrlich das Herz auf. Dazu schmeckte die Luft nach offenem Feuer, Mutzbraten und frisch Gebackenem. Man muss sich zwar immer vor Augen halten dass sich diese romantisierte Vorstellung des Mittelalters beileibe fernab der damaligen Realität bewegen dürfte, in der Schweiß, Kot und Pisse die vorherrschenden Gerüche waren.

Andererseits hatte diese Märchenwelt auch etwas Tröstendes, gab sie seinen Besuchern doch das Gefühl, dass es irgendwo auf der Welt doch ein kleines bisschen Glück gibt. Passend dazu absolvierten gerade Wolfenmond einen Auftritt auf der Hauptbühne. Das Konzert, welches für mittelalterliche Verhältnisse mit reichlich elektronischem Gedöns daher kam, wusste dennoch zu gefallen. Depeche Mode sagten hier Erik dem Wikinger guten Tag, während ein Narr im Eselskostüm vor der Bühne mit den Musikanten lamentierte. Skurriles Bild, cooler Sound und völlig zurecht eine wunderprächtige Stimmung auf dem Plane. Da tanzten die Burgfräulein miteinander und die Musketiere hoppelten durch den Mölm, dass es nur so staubte. Manchmal sind es eben die unkomplizierten Dinge die Menschen Freude bereiten.

Nach einer Viertelstunde Seelenmassage beschloss ich den Rest des Heidnischen Dorfes zu erkunden bzw. der Heidenbühne am anderen Ende des Lagers einen Besuch abzustatten. Auf dem Weg dorthin wurde mir erst bewusst, wie umfangreich und betriebsam das Heidendorf tatsächlich war. Jeden Zentimeter des Areals hatte man für die verschiedensten Arten von Ständen genutzt. Von der großen Taverne mit ihrem Kirschbier und Federweisser mal abgesehen, fand man hier vom handgemachten Eis über irisches Steinofenbrot, bis hin zur Blubber-Tabak-Bar viele außergewöhnliche Dinge. Auch das Handwerk wa stark vertreten. Ein Porträtzeichner hier, ein Kettner dort, da drüben ein Stand für mittelalterlichen Schmuck…jepp. Hier gab es schon eine Menge zu sehen und viele Möglichkeiten den Taler sinnvoll zu verschwenden. Schön auch, dass die Wiesen als Lümmelplatz genutzt werden konnten und so Eltern mit ihren Kindern ein entspannendes Refugium im Trubel des WGT´s vorfanden.

Auf der Heidenbühne, einem kleinen erhöhten Holzverhau mit Treppe, übten sich gerade die Spielleute Nachtwindheim im Dudelsackspiel. Ich freute mich die munteren Recken aus dem Sachsenland nach 2006 endlich einmal wieder in Aktion erleben zu dürfen. Denn was die Nachtwindheimer von anderen Dudelsackcombos unterscheidet ist zweifelsohne ihr unverwüstlicher Humor. Auf und nieder (immer wieder) bringen sie fachmännisch die Lehre von der Blechblasmusik auf Holzinstrumenten unters Volk und greifen schonmal zur Kniebeuge, um zu beweisen, dass sie es ernst meinen. So auch heute! Wenngleich die munteren Sprüche mangels Verstärkung aus der Ferne schwer verständlich waren, ließ sich der „Bayer an sich“ noch immer einwandfrei als Feindbild heraushören. Von allzu rustikalen Scherzen hielt sich das Trio angesichts des anwesenden Publiums jedoch fern. Stattdessen gaben sie grimassierend und weitgehend familienkompatibel den mittelalterlichen Tigerentenclub, während die Kids vor der Bühne zum Klang von Trommel, Tröte und Sackpfeife Ringelreihen tanzten.

Besonders in solchen Momenten versprüht das Heidnische Dorf seinen Charme und versteht es den Besucher eine naive heile Welt abseits der brutalen Wirklichkeit zu entführen. Eine Welt in der man die Seele baumeln lassen und das leben genießen kann. Wenn dann auch noch das Wetter so gut mitspielt sollte man sich das als Treffen Besucher nicht entgehen lassen. Ein wenig Wehmut Schwang daher in meinen Schritten mit, als ich über die kleine Holzbrücke ins freie schlüpfte. Und doch war es ein guter Zeitpunkt für einen Szenenwechsel, blieb dadurch noch etwas Zeit für einen Bummel durch die Markthalle des WGT.

(K)EINKAUFEN IN DER GEGENWART

Fünfzehn Minuten später zwischen den übersichtlich angeordneten Ständen angekommen, ließ sich kein allzu großer Betrieb auf dem Markt zu verzeichnen. Gut möglich dass die meisten Besucher ihr Pulver bereits an den vorherigen Tagen verschossen hatten. Geld wächst schließlich auch nicht auf Bäumen. Neben obligatorischen Dingen, wie Klamotten, Schuhen, Tonträgern und Dark-Mode Klunker fanden sich auch wieder einige humorvolle Nippes-Artikel im Angebot. Da wären zum Beispiel die knuffigen Bad Taste Teddys, die eine ganze Gitterwand in Beschlag genommen hatten aber auch ein Stand mit allerlei, nicht immer ernst gemeintem, Horror-Film Trash, wie der Gummi-Frankenstein zum Aufhängen. Passend dazu ein verlorenes Plastikgehirn oder warhlwisen den Freddy Krüger im Kasperleformat. Anderswo wurde wiederum fotografiert. Für das ultimative Gothic Erinnerungsfoto im mobilen Fotostudio mit Hintergrund. Nicht käuflich zu erwerben, dafür aber umso imposanter von Statur hatte sich ein Wachroboter am Ausgang der Messehalle postiert. Der massive Klotz von gut und gerne 2 Meter 20 war zweifellos der Blickfang in der ansonsten Schwarz gefärbten Halle (OCP lässt grüßen).

Von der Shoppinghalle aus führte mein nächster Weg zurück auf die sonnige Agra Flaniermeile. Bei solch einem Kaiserwetter bot sich dem geneigten Fotografen wahrlich eine Pracht an tollen Motiven, hübschen Mädels (und feschen Buam), dass der Kameraauslöser nur so qualmt. Und weil das hier nunmal jeder macht hielt ich mich lieber vornehm zurück, auf der Suche nach der dunklen  Seite der Wave Gotik Gesellschaft. 200 Meter westwärts wurde ich auch sofort fündig:

NOCTULUS

Mit einiger Verspätung hatte WGT-Urgestein Noctulus doch noch sein traditionelles Wegelager auf der Agra Meile aufgeschlagen und verbreitete unweit der Shisha-Bar als schnellste Blackmetalkappelle der Welt „das beste aus 20 Jahren in 5 Minuten“. Dazu gab sich der Meister betont geschäftstüchtig: „ich mach Euch den andromedanischen Blackmetal für ein´ Euro“ und „wer will kann auch meine neue Freundin haben. Hier im Angebot für nur 50 Euro mit Haaren und Fell…“. Während er die Worte Sprach lüftete Assistent Toni das auf dem Boden liegende Schafsfell und gab den Blick auf die entblößte Gummipuppe frei, welche samt Perücke und Strohhalm im edelsten Teil zu Noctulus´ lag. Soviel Brachialromantik war eindeutig zu viel für einen Sonntagnachmittag und so verschwand der skurrile Anblick auch schnell wieder unter dem Mantel des Schweigens. Wohl auch weil sich das wirtschaftliche Interesse an der Ware stark in Grenzen hielt! (Man will ja nicht dass sich noch jemand erkältet.)

MEGAHERZ

Ein Haus weiter, auf der Bühne wo die Großen Jungs spielen, war es mit Megaherz nun an der Zeit für ein wenig alte bayrische Härte. Während Mitgründer und ex-Frontmann Alexx Wesselsky inzwischen erfolgreich als TV Moderator und Eisbrecher der Herzen unterwegs ist, gehören Megaherz unstrittig zu den letzten Verfechtern der Neuen Deutschen Härte „Version Eins-Null“. Düster grollender Gesang – gerne mit gerrrroltem Errrrr – bratende Gitarren, dazu ein paar hintergründig angeordnete Samples und eine leicht zu erschließende Melodei. Jepp, Megaherz gehen gradlinig den Weg der alten Schule. Und womöglich ist es genau diese gradlinigkeit, die Bands ihres Schlages, vor allem Live noch immer sehr sehr erfolgreich macht. Das haut rein, das geht ab und selbst mit besoffenen Kopp kann man die Hälfte der Texte noch mühelos mit intonieren, weil Deutsch!

Zum Glück haben die Münchner Rocker nach dem Verlust ihres Frontmanns Alexx und einigen  zwischenzeitlichen Pleiten zurück in die Spur gefunden und mit Lex, alias Alexander Wohnhaas einen charismatischen Nachfolger gefunden, der die Gabe hat ein Publikum in windeseile um den Finger zu wickeln. Entsprechend gut gefüllt war die Agra Halle als Megaherz gegen 19:50 zur abendlichen Deutschrockattacke auf Leipzig bliesen. Schwungvoll und mächtig erhob sich das Herz auf der Agra Bühne. Zwei Mann hoch, flankierten die Gitarristen „X-ti“ Bystron und Chrsitoph Klinke auf Podesten am vorderen Bühnenrand ihren Zeremonienmeister Lex, der, unbeeindruckt von den zahlreichen Überstunden seiner diversen Nebenauftritte an diesem Wochenende „beherzt“ zur Tat schritt. „Dein Herz Schlägt“, „Gott Sein“ und „Fauler Zauber“ eröffneten das wummernde Konzerterlebnis der Bayern, die sich offensichtlich am heutigen Abend in der Agra Halle Pudelwohl fühlten. Welche Band geht auch nicht steil, wenn ihnen eine rockwütige Meute gegenüber steht und buchstäblich aus der Hand frisst?

Wer an diesem Wochenende darauf aus war einmal gehörig den Kopf gewaschen zu bekommen war hier an der Top-Adresse. Es muss eben nicht immer Shakespeare sein. Manchmal tun es auch der „5. März“, ein „Heuchler“ und ein Miststück, um mit dem Kopf voraus über die Planke zu gehen. Lex jedenfalls ließ es sich nicht nehmen per Stagedive ein Bad im brodelnden Kessel zu nehmen. Höhepunkt eines starken Auftritts vor brechend gefüllter Kulisse.

KILLING JOKE

Gerne hätte ich an dieser Stelle nun verkündet, dass die Post-Punk Veteranen Killing Joke den tadellos vorgeknüpften Faden aufgreifen und nochmal einen drauf setzen konnten. Dem war leider nicht so. Schon während des Changeovers trug sich absonderliches zu.  „Mr. Martin Glover, please come to the stage immediately, your parents are waiting for you here“, schallte es aus den Boxen. Erlaubte sich hier etwa jemand einen tödlichen Scherz? Offenbar nicht! Nachdem bereits das Licht heruntergefahren und die Fotografen in den Graben gelassen waren sah es jedenfalls verdammt danach aus, als wäre Bassist und Produzentenlegende Youth tatsächlich auf dem Weg zur Bühne abhanden gekommen. Ganz schön peinlich!

Einige Minuten später meldete sich die Mannschaft dann doch noch vollzählig zum Rapport, sodass das Schauspiel seinen leicht verzögerten Lauf nehmen konnte. Ich weiß nicht ob es nur daran lag, dass ich etwas anderes erwartet habe oder mir nach dem Megaherzschen Dampfhammer der Sinn möglicherweise nicht mehr nach sperriger Kost stand doch irgendwie konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Herren gehobenen Alters mit einigem Sand im Getriebe auf der Bühne erschienen. Die Vorfreude darauf den Berufswahnsinnigen Jaz Coleman und seinen Mannen nach 2004 endlich mal wieder live erleben zu können wich mit jeder Sekunde einer aufsteigender Ernüchterung.

In Flecktarn-Jumpsuit und roter Kriegsbemalung trat Coleman vor die Menge und interpretierte  „Requiem“ vom 1980er Debutalbum Killing Joke wie eine Mischung aus C-3PO und Narrenkönig. Mit eckigen Bewegungen roboterter er über die Bühne und verzog ab und an maskenhaft die Mine. Soweit so drollig! Nur fehlte da irgendwie der richtige Drive, der sich auch beim nachfolgenden, dem verstorbenen Paul Raven gewidmeten „Love Like Blood“ nicht so recht einstellen wollte. Zwar war die Idee diesen Klassiker im Agra Gothic-Tempel gleich zu Anfang rauszuhauen nicht die blödeste, doch nach dem zaghaften Einstieg hätte ich mir persönlich ein wenig mehr von dem Punch gewünscht, den die Briten auf ihren letzten Drei Studioalben an den Tag gelegt hatten.

Mit „Wardance“ wurde immerhin ein weiterer Pflichttitel feilgeboten, bevor endlich auch das grandiose aktuelle Album Absolute Dissent mit „European Super State“ erstmals an diesem Abend berücksichtigt wurde. Doch auch hier hatte sich das Quintett wieder eine der chilligeren Nummern heraus gepickt, sodass das Warten auf den großen Knall weiterging. Das zügellos Brachiale, die undurchdringliche Wall of Sound kam mir über weite Strecken echt zu kurz. Schlißlich erbarmten sich Killing Joke mit „The Great Cull“, „Depthcharge“ und dem brutal genialen „Asteroid“ zum Sturm auf die Bastille.

Gerne würde ich nun davon berichten, dass sich dadurch die Stimmung während des Gigs in schwindelnde Höhen schraubte. Dem war nicht so. Während direkt vor der Bühne noch reichlich Herzblut vergossen wurde, streute sich die Tiefenwirkung des Auftritts extrem, was letztlich dazu führte, dass die hinteren Reihen sich im laufe der Show zunehmend lichteten. Killing Joke sind eben nichts für Konzertzapper. Entweder man steht auf den Sound oder man ergreift eher früher als später die Flucht. Nicht nur deshalb erwiesen sich Killing Joke als schwieriges Thema für das WGT.

FIELDS OF THE NEPHILIM

Für gewöhnlich eine Bank und so richtig „ur-gothic“ wie kaum eine andere Band, gehören Fields Of The Nephilim gemeinsam mit den Sisters Of Mercy zu den letzten unverwüstlichen Sauriern der 80er Generation. Zu verdanken ist die fortwährende Existenz der Nephilim in erster Linie Mastermind Carl McCoy, dessen mystische Aura bis heute nichts vom ihrer Strahlkraft eingebüßt hat. Wo immer der Mann mit Schlapphut und Lederweste auf die Bühne klettert herrscht ehrfürchtige Andacht. Dem auch heute so, zumindest was den Casualbesucher betraf.

Nach der absolvierten Christmas Ball – Tournee durch drei Deutsche Städte war die üblicherweise recht große Zeitspanne zwischen den rar gesäten Auftritten der Fields jedoch denkbar knapp, wodurch der heutige Auftritt, sofern die Tour besucht hatte, spürbar litt.  Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass Bands vom Schlage der Fields dazu neigen von Festival zu Festival ihr Best of Repertoire aufzuführen bei dem jeweils einen oder zwei Songs ausgetauscht werden, mit den jüngsten Erinnerungen aus dem Winter aber vermochte selbst die Jacobs Krönung des Gothic-Rock heuer nicht ihr volles Verwöhnaroma zu entfalten.

Dem Gelegenheitsbesucher wird es wohl nicht weiter aufgefallen und den vielen Hardcorefans ohnehin egal gewesen sein, fiebert man im Lager der Fields-Anhänger doch jeder Gelegenheit Carl McCoy live zusehen kultisch entgegen. Nüchtern betrachtet war das Konzert jedoch aufgewärmter Kaffee. Deshalb hier mal kurz die Setliste im Schnelldurchlauf: „Shroud, Straight To The Light, Penetration, From The Fire, Moonchild, Love Under Will, For Her Light, New Gold Dawn, Zoon Pt 3, Sumerland und Psychonaut.“

New Gold Dawn mal ausgenommen bot sich Fields Kennern keine wirkliche Überraschung. Ebenso wie die einzige Zugabe: „Last Exit For The Lost“. Der Rest war an diesem Abend solider, versiert vorgetragener Ahnenkult im Spannungsfeld zwischen Mad Max und Spaghetti-Western. Das erhoffte Highlight des Pfingst-Wochenendes lieferten Fields dieses mal jedoch nicht.

ACH WÄRSTE DOCH…ACH HÄTTSTE MAL…

Das abschließende Konzert von ex-Depeche Mode Mitstreiter Alan Wilder, alias Recoil fand ohne meine Beteiligung statt. Stattdessen erreichten mich schon kurz nach Ende des Fields Konzertes die ersten Buschfunkmeldungen aus der Alten Messe 15, wo die Synthi-Pop Legenden Camouflage gerade mächtig abgeräumt haben mussten. Schlagartig fühlte ich mich wieder in das Jahr 2003 versetzt, als ich mir hinterher erzählen lassen durfte was ich für ein geniales DAF Konzert verpasst hatte. Und da war sie wieder, die Epiphanie dass beim WGT jeder seines eigenen Glückes Schmied ist und die Wahl der besten Konzerte, bedingt durch Tagesform und äußere Umstände in etwa vergleichbar ist mit der Ziehung der Lottozahlen.

Müde und etwas bedröppelt von der dürftigen Ausbeute schlurfte ich zum Ausgang um den Tag für mich zu beenden. Gemessen daran, dass damit schon der vierte Treffen-Tag zu Ende ging und ich damit meinen persönlichen Durchhalterekord eingestellt hatte betrachtete ich den noch zu absolvierenden Montag als olympische Bonusrunde, nach der Devise „dabei sein ist alles“. Wer überzeugte und wem es kurz vor der Ziellinie noch gelang die Arschbombe des Treffens hinzulegen erfahrt ihr im 5. Teil des Großen Treffen Rückblicks 2011.

Fortsetzung folgt!