Mortiis: The Great Deceiver (2016) Book Cover Mortiis: The Great Deceiver (2016)
Megaforce (Soulfood)
11.03.2016
www.mortiis.com

Tracklist:

  1. The Great Leap
  2. The Ugly Truth
  3. Doppelganger
  4. Demons Are Back
  5. Hard to Believe
  6. Road to Ruin
  7. Bleed Like You
  8. Scalding the Burnt
  9. The Shining Lamp of God
  10. Sins of Mine
  11. Feed the Greed
  12. Too Little Too Late

Die Legende besagt, dass seit einigen Jahren irgendwo tief in den norwegischen Wäldern eine abgelegte, allein gelassene Latexnase blind umher kriecht und ruhelos schüffelnd die Fährte seines Herrchens sucht, um seinen rechtmäßigen Platz in der Mitte dessen Gesichtes wieder einzunehmen. Dieses Herrchen, das sich vor vielen Jahren von diesem Stück Plastik ab- und neuen Gefilden zugewandt hat. Dieses Herrchen, das auch die Ohren aus Plaste seither verbannte und sich selbst neu erfand.

Unterschwellig und am Rande des Wahrnehmbaren kratzen und schnüffeln die beiden Sinne, doch Mortiis lässt sich nicht beirren und das damals neu erschaffene, musikalisch industriale „Ich“ erlangt nach dem langsamen Wandel über „The Grudge“, „Some Kind Of Heroin“, „Perfectly Defect“ und langem Warten in dem aktuellen Album „The Great Deceiver“ die endgültige Phase.

Mit dem aktuellen Album liefert Mortiis ein Industrial-Rock-Werk, wie es mir seit langem nicht mehr untergekommen ist. Viele der musikalischen Einflüsse und Vorbilder sind stark rauszuhören aus vielen der Stücke, doch genau das macht dieses Album so phantastisch. Es erscheint fast wie eine Hommage an eine ganz bestimmte Schiene der Industrialära, die das Herz von Nine Inch Nails, Ministry und sogar teilweise Rob Zombie Fans höher schlagen lässt. Löst man sich von Vergleichen und hört „The Great Deceiver“ ganz unvoreingenommen so erlebt man eine gut ausgeklügelte, spannende Klang- und Geräuschwelt.

Der Opener der Scheibe ist ein gewaltiger Brecher, der den Hörer sofort gnadenlos überrollt und auch „The Ugly Truth“ schreitet mit hohem Tempo voran und entfesselt den Rockmusiker in Mortiis. Doch die wahre Soundvielfalt entwickelt sich erst im Laufe des Albums, steigert sich und zeigt bei Stücken wie dem etwas ruhigeren „Hard To Believe“ und „Road To Ruin“ zum ersten mal deutlicher und erreicht in „Bleed Like You“ einen vorläufigen Höhepunkt.

Wie in einer Achterbahn peitscht das Album weiter mit schnellen, harten aber auch sehr überraschenden und tiefgründig anmutenden, langsamen Stücken. Harte Gitarren, stampfende Beats und perfekt getimte Arrangements entführen den Hörer in die Vergangenheit und beweist zeitgleich, dass Industrial zeitlos ist und auch heute noch funktioniert und mitreißt.

Ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen, aber eins sei gesagt, das Abstreifen der Latexmasse erscheint mir das Beste gewesen zu sein, das Mortiis damals machen konnte. „The Great Deceiver“ überzeugt von Anfang bis zum Ende und die eigene Nase steht Håvard Ellefsen sowieso viel besser als der hässliche Latexhaken. Lediglich die zu starke Anlehnung an seine Einflüsse bewegt mich dazu, keine volle Punktzahl zu erteilen.