Review: Teenage Warning Festival – Punkrock im Felsenkeller (14.02.2026, Leipzig)

Mehrere Generationen, ein Abend und erstaunlich wenig Nostalgie: Das Teenage Warning Festival zeigt, wie lebendig Deutschpunk noch immer ist.

Der Felsenkeller füllt sich langsam. Gespräche laufen, Leute begrüßen sich, Bier wird geholt. Vor der Bühne stehen alte Bekannte, dahinter neue Gesichter – und irgendwo dazwischen wirkt es fast wie ein Familienausflug. Von Opa bis Enkel ist alles vertreten. Schon bevor die erste Band spielt, wird klar: Hier treffen sich nicht nur Fans einer Musikrichtung, sondern mehrere Generationen mit einer gemeinsamen Geschichte. Punk ist für viele längst keine Phase mehr, sondern etwas, das man behält.

Der Beginn verzögert sich um ein paar Minuten, fällt aber kaum auf. Niemand wartet ungeduldig, die Stimmung bleibt entspannt. Als die ersten Töne erklingen, läuft der Abend dafür umso reibungsloser – kurze Umbaupausen, stabiler Sound, keine unnötigen Ansagen. Die Musik steht im Mittelpunkt.

Fleischwolf (Foto: Lydia Weise bs! 2026)

Fleischwolf eröffnen den Abend und setzen sofort auf Bewegung statt Dramaturgie. Ohne große Vorrede geht es direkt nach vorne, schneller Deutschpunk, der den Raum unmittelbar aktiviert. Nach wenigen Songs erlauben sie sich einen kleinen Stilbruch und bauen überraschend einen Metal-Song ein – inklusive Perücken auf der Bühne. Das wirkt weniger wie ein Gimmick als wie ein lockerer Türöffner. Das Publikum steigt sofort ein, die letzte Zurückhaltung ist verschwunden.

Bernhard Fuxx (Foto: Lydia Weise bs! 2026)

Mit Bernhard Fuxx verschiebt sich die Stimmung hörbar Richtung Mitsingen. Für viele im Publikum hat der Auftritt zusätzlichen Wert, denn es ist die einzige Show der Band in diesem Jahr im Osten. Gleichzeitig schwingt Geschichte mit: Das Projekt stammt vom ehemaligen Sänger von Fucking Faces. Die Songs wirken dadurch nicht nostalgisch, sondern vertraut. Große Teile des Saals tragen die Refrains sicher mit, und der Abstand zur Bühne schrumpft merklich – eher Beteiligung als Beobachtung.

Hass (Foto: Lydia Weise bs! 2026)

Hass drehen das Energielevel anschließend deutlich nach oben. Vom ersten Song an bewegt sich der komplette Raum, und der Sänger sucht konsequent den Kontakt nach vorne. Immer wieder hält er das Mikro ins Publikum, ganze Zeilen kommen lauter zurück als sie vorher gesungen wurden. Die Dynamik entsteht nicht aus Härte, sondern aus Beteiligung. Der Pogo bleibt intensiv, aber kontrolliert.

Bei Toxoplasma wird aus Bewegung Erinnerung. Die lautesten Stimmen kommen jetzt aus dem gesamten Saal. Die klar gebauten Songs tragen mühelos durch den Raum, weil sie offensichtlich viele hier seit Jahren begleiten. Man merkt, dass diese Musik nicht nur gehört, sondern weitergegeben wurde.

Knochenfabrik lockern die Atmosphäre danach bewusst auf. Zwischen den Songs erzählen sie immer wieder vom Kölner Karneval, der parallel stattfindet und den sie für den Abend verpassen. Das sorgt für Gelächter und nimmt dem Abend jede Schwere, ohne die Intensität zu verlieren. Statt dichtem Gedränge entsteht mehr Bewegung im ganzen Raum, mehr Tanzen als Schieben – eine andere, aber genauso funktionierende Energie.

Die Skeptiker (Foto: Lydia Weise bs! 2026)

Die Skeptiker feiern an diesem Abend ihr 40-jähriges Bandjubiläum – und genau so fühlt sich der Auftritt auch an: nicht wie Rückblick, sondern wie Selbstverständlichkeit. Die Songs wirken erstaunlich zeitlos, viele werden vom Publikum komplett mitgesungen. Der Saal ist geschlossen dabei, konzentriert und laut. Statt Nostalgie entsteht eher das Gefühl, dass diese Band nie wirklich verschwunden war. Vier Jahrzehnte später funktionieren die Stücke immer noch unmittelbar.

Slime (Foto: Lydia Weise bs! 2026)

Als Slime die Bühne betreten, erreicht der Abend seinen Höhepunkt. Es ist zugleich der Tourabschluss der Band, und das merkt man sofort an der Reaktion im Raum. Kaum gestartet, ist wieder überall Bewegung. Am Anfang des Sets sorgt ein kurzer Zwischenfall für Gelächter: Sänger Tex Brasket hat Probleme mit seiner Zahnprothese und bekommt vom Team auf der Bühne kurzerhand Haftcreme gereicht. Zwei Handgriffe später läuft alles weiter. Kein Abbruch, kein großes Aufheben – genau dieser unkomplizierte Umgang passt perfekt zum Moment. Der Auftritt geht einfach weiter, und genau das fühlt sich sehr nach Punk an.

Nach diesem Peak wird es etwas leerer, doch Butterwegge nehmen genau das auf. Sie sprechen mit einem Augenzwickern offen an, dass es schwer ist nach Slime zu spielen , spielen aber nicht dagegen an, sondern mit voller Energie weiter. Schnell entsteht wieder Bewegung, die verbliebenen Besucher holen die letzten Reserven heraus und feiern gemeinsam den Abschluss.

So bleibt weniger ein einzelner Höhepunkt als ein Gesamteindruck: Der Abend wirkt nicht wie ein Rückblick. Es fällt auf, dass hier niemand gekommen ist, um Vergangenheit zu verwalten. Die Älteren stehen nicht daneben und erklären, wie es früher war, und die Jüngeren schauen nicht ehrfürchtig zu. Stattdessen singen beide dieselben Zeilen. Genau darin liegt die Stärke dieses Abends: Die Bands müssen nichts beweisen und das Publikum nichts nachholen.

Für ein paar Stunden fühlt sich das wieder an wie der Moment, in dem man diese Musik zum ersten Mal verstanden hat – egal ob der eigene Erstkontakt zwanzig Jahre her ist oder erst ein paar Monate. Nicht, weil alles gleich geblieben wäre, sondern weil es weiterhin funktioniert.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Nostalgie und Relevanz: Nostalgie erinnert, Relevanz verbindet. Und an diesem Abend im Felsenkeller verbindet Punk noch immer. Mehrere Generationen in einem Raum – nicht getrennt durch Zeit, sondern verbunden durch Musik, die weitergegeben wird.

Fotos (by Lydia Weise bs! 2026):

Links:

Veranstalter:
Felsenkeller Betriebs GmbH
Die Veranstaltung wird präsentiert über Spirit From The Street
www.felsenkeller-leipzig.com

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