
Sólstafir im Tower Bremen, was für eine Sensation. Nur wenige Wochen zuvor wurde die Show aus dem Nichts angekündigt. Die isländische Post-Metal Band macht zwischen ihren Festivalgigs zwei kurze Stopps in deutschen Clubs, der Trompete in Bochum und dem Tower. Nach der ausverkauften Show in der Trompete sollte es nun also in Bremen ähnlich schwitzig-intensiv werden. Das passende Wetter dafür gab es jedenfalls. Die Hitze mag auch einer der Gründe sein, warum es im Tower einfach nicht so richtig voll werden wollte – es ist nun mal Open Air Saison. Nur ein paar Fahrminuten weiter findet das große Hurricane-Festival statt, ebenso wie das Graspop Metal Meeting, zu welchem auch einige Sólstafir Fans aus der Hansestadt gepilgert sein dürften – und dann wäre da ja auch noch die lästige Fussball-WM samt Deutschlandspiel.
Auf der anderen Seite muss man es auch positiv sehen: wann hat man schonmal die Chance, diese Gruppe, die mittlerweile mehr als 30 Jahre Bandgeschichte auf dem Buckel hat, vor nur knapp 120 Leuten zu sehen?
Eröffnet wird der Abend von Lazar aus Hamburg. Schroffer Post-Rock donnert durch den kleinen Club. Auf der Bühne nordische Zurückhaltung – eine Ansage, oder überhaupt eine Vorstellung, gibt es erst nach abgeschlossenem Set. Ebenso zurückhaltend sieht es auch vor der Bühne aus. Verschränkte Arme, cooles Kopfnicken, das muss bei diesem Wetter genügen. Lässt man die Distanziertheit beider Seiten außen vor, muss allerdings angemerkt werden, dass das Quartett musikalisch wirklich ordentlich abliefert und auch der Sound gut mitspielt. Die Tanzfläche im Tower bleibt lückenhaft bestückt, dafür lässt sich im Nachhinein sagen, dass wohl schon alle zahlenden Gäste zum Support da waren, das ist ja auch durchaus positiv.
Als nach einer fixen Umbaupause die vier mächtigen Isländer die Bühne betreten, ist irgendwie ein wenig Enttäuschung spürbar. Das letzte Mal in Bremen spielten sie 2019 samt Streichquartett im pickepackevollen Schlachthof eine unfassbar intensive Show. Im Tower bleibt es reduzierter, aber dennoch nicht minder gut. Die Setlist beinhaltet vor allem Material ihres jüngsten Langspielers Hin Helga Kvöl. Mit Til Valhallar wird zwischenzeitig auch eine ganz alte Nummer aus der Black-Metal-Zeit der Band ans Tageslicht gekramt und den Gästen unverhofft um die Ohren geschmettert. Wäre der Raum voll gewesen, hätte dies vermutlich eine Wahnsinnsenergie in der Menge entfacht. So wird dagestanden, die Arme verschränkt und cool mit dem Kopf genickt. Zwischendrin kommen immer wieder kurze Rückfragen á la „Seid ihr noch da? Wollt ihr lieber Fußball gucken?“ – dabei kann man immerhin eines sagen: die die da sind, sind für Sólstafir da und des darf gern noch der ein oder andere Song mehr serviert werden.
Erst als die band mit Fjara den Klassiker-Block beginnt, entsteht doch noch so etwas wie eine greifende Atmosphäre. Der unfassbar charismatische Frontmann Aðalbjörn Tryggvason geht auf Tuchfühlung mit den Gästen. Selbstverständlich dürfen Ótta, Svartir Sandar und der ewige, epische Closer Godess Of The Ages nicht fehlen. Spätestens hier wird klar: das hätten viel mehr Menschen sehen müssen. Im Anschluss an den Gig lässt es sich die Band nicht nehmen, im Merch und Außenbereich noch den ein oder anderen Schnack mit den Gästen zu halten.
Unter anderen Bedingungen hätte es ein perfektes Konzert werden können. Eine Band wie diese mal wieder in so einem kleinen schwitzigen Club zu sehen ist eine tolle Sache. Aber die Konzertbranche hat es derzeit generell nicht leicht und leere Hallen sind leider keine Seltenheit. Die Band hat ihr Set dennoch professionell durchgezogen und lässt sich hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft wieder in Bremen blicken. Hoffentlich zu einer Zeit, in der die Menschen es sich wieder guten Gewissens leisten können, Kultur zu konsumieren.
Galerien (by Thea Drexhage bs! 2026)
Lazar (20.06.2026, Bremen)
Sólstafir (20.06.2026, Bremen)