Start Events Konzertberichte Review: (Kraft)Werkschau (13.12.2025, Bielefeld)

Review: (Kraft)Werkschau (13.12.2025, Bielefeld)

Kraftwerk (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Es ist wie eine kleine Zeitreise, das Kraftwerkkonzert in der Seidenstickerhalle Bielefeld und das liegt nicht nur an der Band. Denn wie die Musik von Kraftwerk, scheint sich auch die Halle seit ihrem Bau in Anfang der 90er Jahre kaum verändert zu haben. Es gibt kein Foyer, keine feste Garderobe und auch die Bars scheinen eher provisorisch in den Raum gesetzt worden zu sein. Das Interieur lässt Horrorgedanken an den Schulsport wieder lebendig werden. Doch all dies wirkt an diesem Abend nicht abschreckend, sondern ergibt irgendwie ein stimmiges Gesamtbild.

Schon lange vor Einlass ist das Ende der Gästeschlange kaum noch zu sehen. Generation Kraftwerk pocht auf Pünktlichkeit – 1,5 Stunden vor Showbeginn sollte man mindestens in der Halle sein. So bleibt schließlich noch Zeit den Merchstand zu plündern und sich mit Freunden und Fremden über die guten alten Zeiten zu unterhalten. Oder  mit einer neuen Generation, denn auch genügend Kinder und Enkelkinder der Urkraftwerkfangemeinde sind anwesend, um über die Pioniere der elektronischen Musik zu lernen.

Kraftwerk (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Es ist Punkt 20 Uhr. Der riesige Bildschirm hinter den vier ikonischen Pulten setzt zum Countdown an, während die vier Mannen um Gründungsmitglied Ralf Hütter in ihren leuchtenden Anzügen und perfektem Gleichschritt die Bühne betreten. Es folgt eine multimediale Werkschau durch die ikonischen Hits der Düsseldorfer, die ganz verschiedene Gefühle in den Zuschauern auslöst.

Da wäre vor allem die Nostalgie. Das, was heute geboten wird hat es so schon vor 10 Jahren geben, vor 20 Jahren, vor 30 Jahre, vor 40 Jahren – sogar fast vor 50 Jahren. Damals innovativ, neu, bahnbrechend und wegweisend. Und auch heute klingen die Songs von Kraftwerk keineswegs veraltet, was einmal mehr zeigt, wie futuristisch die Musik in den 70er Jahren gewirkt haben muss. Doch an der Videoshow hinter den vier Musikern merkt man es dann doch: sie kommen einfach aus einer anderen Zeit. Das, was damals auch visuell Neuland war ist zwar stimmig, trägt aber auch eine gewisse und sicher gewollte Komik in sich. Kraftwerk sind sich treu geblieben und haben in den letzten 20 Jahren den technischen Fortschritt strikt ignoriert.

Kraftwerk (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Absurd wird das Bild allerdings, wenn man sich im Zuschauerraum in den hinteren Reihen aufhält. Wie auf Knopfrock heben sich zu Beginn der ganz großen Hits wie The Man-Machine oder Das Model die klappbehüllten Smartphones der Boomer. Es ist die neue Form der Computerliebe. Oder ist es eher das Computer-Stockholm-Syndrom? Ist das die Zukunft, die Hütter und Schneider beim Schreiben von Computerwelt vorhergesehen haben? Man kann nur rätseln, denn verraten wird es seitens der Bühne nicht. Von dort fallen gar keine Worte. Fast gar keine.

Denn Kraftwerk haben ihre Songs nicht nur ins Englische übertragen, von Radioaktivität gibt es eine spezielle Fukushima Version:

日本でも 放射能
きょうも いつまでも
フクシマ 放射能
空気 水 すべて
日本でも 放射能
いますぐ やめろ

Bei der Übersetzung half der japanische Freund und Komponist Ryūichi Sakamoto, welcher 2023 verstarb. Hütter gedenkt ihm mit wenigen, aber warmen Worten bevor das Quartett ganz ohne Visuals das Klavierstück Merry Christmas Mr. Lawrence darbietet. Eine leise, wundervolle Pause zwischen den sonst sehr wummernden Bässen, die leider in weiten Teilen des Publikums durch angeregte Gespräche übertönt wird.  Aber hier und da im Zuschauerraum findet man auch Ecken, in denen das Dargebotene zelebriert wird. Es wird gejubelt, getanzt und je lauter die Musik von der Bühne schallt, desto größer wird die Ekstase. Von der Stimmung der vier regungslosen Musiker bekommt man indes nur wenig mit. Machen sie Musik oder ihre Steuererklärung an ihrem Pult? Wir können nur rätseln….

Kraftwerk (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)

Betrachtet man die Show als Kunstinstallation statt als Popkonzert kommt man voll auf seine Kosten. Die Setlist lässt keinerlei Wünsche übrig. Der Sound ist angenehm, die Videoshow unterhaltsam – stellenweise tatsächlich spektakulär. Kraftwerk machen, was Kraftwerk schon immer gemacht haben – und das in stoischer Perfektion.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 13.12.2025)

Setlist Kraftwerk:

Kraftwerk (Foto: Thea Drexhage bs! 2025)
  1. Nummern / Computerwelt / Computerwelt 2



  2. Heimcomputer / It’s More Fun to Compute



  3. Spacelab



  4. Ätherwellen



  5. Tango



  6. The Man-Machine



  7. Electric Café



  8. Autobahn



  9. Computer Liebe



  10. Das Model



  11. Neonlicht



  12. Metropolis



  13. Merry Christmas Mr. Lawrence
(Ryūichi Sakamoto cover)


  14. Geigerzähler



  15. Radioaktivität



  16. Vitamin



  17. Tour de France / Tour de France Étape 3 / Chrono / Tour de France Étape 2



  18. La Forme



  19. Trans-Europa Express / Metall auf Metall / Abzug



  20. Planet der Visionen



  21. Boing Boom Tschak / Techno Pop / Musique Non Stop



    Encore:
  22. Die Roboter

Links:
Kraftwerk

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