Blues Pills: Holy Moly! (2020) Book Cover Blues Pills: Holy Moly! (2020)
Classic Rock
Nuclear Blast
21.08.2020
www.bluespills.eu

Tracklist:

  1. Proud Woman
  2. Low Road
  3. Dreaming My Life Away
  4. California
  5. Rhythm In The Blood
  6. Dust
  7. Kiss My Past Goodbye
  8. Wish I´d Known
  9. Bye Bye Birdy
  10. Song From A Mourning Dove
  11. Longest Lasting Friend

Vier Jahre können eine lange Zeit sein. Denn so lange ist es her, dass das Zweitwerk „Lady In Gold“ von den Blues Pills erschien. Mir persönlich kommt das noch gar nicht so lange vor, vielleicht weil zwischenzeitlich noch die „Lady In Gold - Live In Paris“-Scheibe das Licht der Welt erblickte. Aber dennoch ist vieles mit bzw. innerhalb der Band passiert: Gitarrenwunderkind Dorian Sorriaux verließ Ende 2018 die Gruppe, alle Beteiligten waren ausgelaugt vom exzessiven Touren, die Beziehung zwischen Bassist Zack Anderson und Sängerin Elin Larsson ging in die Brüche und die Stimmung wurde allgemein so mies das die Formation beinahe daran zerbrach. Eine Pause war von Nöten, um Kräfte zu tanken und sich neu zu formieren. So wanderte Zack vom Bass an die Gitarre und holten sich Kristoffer Schander als etatmäßigen Bassisten neu dazu.

Nicht nur deswegen ist das neue Album „Holy Moly!“ eines der meisterwarteten Alben des Jahres, sondern weil die Spannung enorm hoch ist in Bezug auf die musikalische Ausrichtung und Entwicklung. Die typische Branchenregel beim dritten Album „Make It Or Break It“ ist hier gar nicht mal mehr relevant, denn die Gruppe ist kommerziell gesehen und von ihrer Bedeutung bzw. Wichtigkeit in der Szene dem schon entwachsen. Den ersten Höreindruck bekam man mit der Single „Proud Woman“ spendiert und ich für meinen Teil war geschockt. Es steht außer Frage, dass dies ein guter Song ist, aber wenn dieser Track die Marschrichtung des neuen Albums sein würde, wäre das eine herbe Enttäuschung. Ein blutleerer Gitarrensound, der nach Indie/Garagenrock klingt in Kombination mit 60er Jahre-Feeling. Ich dachte mir schon, dass dies das endgültige Ende der Band sei, der Verlust von Gitarrist Dorian sei zu groß gewesen. Wobei er schon auf „Lady In Gold“ in den Hintergrund rückte…

Aber die Blues Pills sollten mich Lügen strafen und hauten mit der zweiten Single „Low Road“ einen fetzigen Song raus, der mich mit ihnen wieder versöhnen ließ. Das gleiche galt auch für das später veröffentlichte „Kiss My Past Goodbye“. In der Zwischenzeit lag „Holy Moly!“ vor mir und konnte schon mehrfache Durchgänge mit dem neuen Werk gönnen. Ich bin beeindruckt davon, wie sie es geschafft haben erneut ein wirklich starkes Album zu erschaffen, trotz der Umstände, bei denen vieles zu Scheitern verurteilt war. „Holy Moly!“ ist nicht besser oder schlechter als sein Vorgänger „Lady In Gold“. „Anders“ ist das zutreffende Begriff, denn die Piano/Orgel-Sounds wurden wieder zurück gefahren, kernigere „Classic Rock“-Songs mit 60er-Jahre-Flair in die Moderne zu transportieren steht wieder im Vordergrund, wobei auch die ruhigeren Momente nicht fehlen dürfen. Elin Larsson singt wieder fantastisch und sie zeigt wieder mehr ihre verschiedenen Facetten ihrer Stimme zum Ausdruck (was ich wirklich sehr begrüße!). Dies zeigt sie nicht nur im dem sehr energischen „Rhythm In The Blood“, dem mit einem gewissen 60er Jahre James Bond-Vibe versehene „Dust“, dem sonnigen und kraftvollen „California“, dem emotionalen „Longest Lasting Friend“, sondern auch im gefühlvollen „Wish I´d Known“.

Bei aller Freude über „Holy Moly!“ ist natürlich klar, dass es nicht an das Gesamtniveau des Debüts herankommt, denn dafür wirkt „Proud Woman“ (wie gesagt, kein schlechter Song!) als Opener etwas deplatziert und hinterlässt beim Hören einen komplett falschen Eindruck für das restliche Material. Dies wiederrum macht allerdings das darauffolgende richtig stark und überzeugt auf ganzer Linie. Ich freue mich jedenfalls, dass die Blues Pills die schwere Zeit, in der sie durchmussten, mit Bravour gemeistert haben und weiter ihren Weg (nach oben) gehen. Chapeu!

P.S.:
Wer schnell ist, sollte sich die limitierte 2CD-Digibook-Version des Albums zulegen, denn nur so kriegt man noch die Debüt-EP „Bliss“ dazu, die damals in kleiner Auflage über Crusher Records erhältlich war und heute im Original eine kleine gesuchte Rarität mit sehr hohen Preisen darstellt.