Most Wanted 2020: Theas musikalischer Jahresrückblick.

2020 ein schlechtes Jahr für Musikliebhaber? Jein. Klar, alle Konzerte fielen aus, den Festivalsommer musste man überwiegend nüchtern verbringen (Detox soll ja total in sein) und von der wirtschaftlichen Vollkatastrophe für die Kulturbranche müssen wir an dieser Stelle gar nicht erst sprechen. Live-Konzerte fehlen nach nun schon 10 Monaten mehr als alles Andere, die Kameras verstauben im Schrank und die Angst, ob der Lieblingsclub die Krise übersteht und wir alle wieder gemeinsam und vor allem gesund und munter miteinander feiern dürfen, schwebt dauerhaft im Hinterkopf. Doch allen Katastrophen zum Trotz hat 2020 musikalisch auch ein paar echte Knaller bereitgehalten:

1. Idles – Ultra Mono

2020 war definitiv nicht alles schlecht, so haben Idles eeeeeendlich ihr drittes Studioalbum Ultra Mono veröffentlicht und meine Fresse, gibt es da eins auf den Deckel. Dieses Album ist einerseits so einfach und andererseits so direkt, dass man nicht umher kann, sich endlich wieder diese genialen Live-Shows der Band zu wünschen. Nähe, Schweiß, Lärm und blaue Flecken, diesem Jahr leider undenkbar. Zwar ist für das kommende Jahr eine Tour angekündigt, aber ob diese so wie wir uns das vorstellen stattfinden wird…Natürlich ist auf „Ultra Mono“ nicht alles reiner Krach. Idles zeigen sich gewohnt politisch, beziehen Stellung gegen Rassismus, das Patriarchat, politische Ausgrenzung und im Prinzip alles, was noch so scheiße ist. Unbedingt anspielen auf „Ultra Mono“ sollte man „Grounds“, besser wird’s nicht, ehrlich. Der Song ist so treibend und direkt, da kann man gar nicht stillhalten. Ähnlich gut das catchige „Model Village“, ein kritische Song über das Hinterland und die Probleme in den kleinen Gemeinden, in der die Sache mit der Weltoffenheit noch nicht so ganz angekommen ist. Als starker Gast ist Jenny Beth von „Savages“ dabei und leiht „Nes touche pas moi“ ihre Stimme…Im Prinzip könnte man an dieser Stelle über jeden Song lange Lobhudeleien tippen, aber im Prinzip bleibt nur zu sagen: Ultra Mono ist ohne wenn und aber das Album des Jahres. 2021 muss schon ganz schön was auffahren, um das zu übertreffen. Wobei „Lament“ von Touché Amore gegen Jahresende auch nochmal einen starken Versuch gestartet hat, „Ultra Mono“ den Titel abzuringen.

2. Trixsi & Ulf

Konzerte waren rah gesät, doch bevor dieses riesige Dumpster-Fire, dass sich 2020 schimpft, ausgebrochen ist, gab es doch noch die ein oder andere Show. Trixsi und Ulf zum Beispiel? Hä? Wer? Genau die! Trixsi, die neue, nicht ganz nüchterne, rotzige Supergroup, die sich irgendwo zwischen Hamburgs Zapfhähnen zusammengefunden hat. Ihr wist schon, da singt der Typ von Love A und so. In diesem Jahr erschien endlich das doch schon irgendwie lang erwartete Debütalbum „Frau Gott“ und, Überraschung: it’s a good one. Im Gepäck hatten Trixsi noch mehr Punkrock aus der Hansestadt und eine meiner Überraschungen des Jahres: Ulf. Klanglich ein bisschen wie Turbostaat, aber doch ganz eigen. Vor allem textlich unterscheidet sich die Band von zahlreichen Mitstreiter*innen im deutschsprachigen Raum. Vor dem Konzert kannte ich die Band nicht, habe mich auch nicht gespoilert und fand sie völlig überzeugend. Auch das Album „Es ist gut“ tut, was es verspricht. Gut sein. Laut Spotify eine meiner meist gehörten Scheiben 2020. Anspieltipps? Im Prinzip ist die Platte ’ne Runde Nummer mit keinen wirklichen Aussetzern. Ohrwurmcharakter hat sicher „Stress bei Penny“.

Ulf (Foto: Thea Drexhage bs! 2020)

3. Matze Rossis Streamingkonzerte

Irgendwann war er auf einmal da, dieser scheiß Lockdown, alle geplanten Konzerte abgesagt. Und jetzt? Keine Ahnung. Bis irgendwann die Stunde der Konzertstreams zu schlagen begann. Ziemlich früh dabei Matze Rossi und ich bin mir sicher einer der ersten Streams dieser Art, die ich mir angeschaut habe. Zwar spielt für gewöhnlich die Gemeinschaft auf den Konzerten des Singer-/Songwriters eine große Rolle, aber gemütlich mit den Katzen und einem Glas Wein (ja, ok, das klingt eher traurig) sitzen und seinen wundervollen Songs zu lauschen, war zumindest ein kleiner Trost während der Isolationszeiten. Und die Gemeinschaft kam dank Chatfunktion glücklicherweise auch nicht zu kurz. Highlight war sicherlich, dass dadurch auch mal das ein oder andere vielleicht schon wieder vergessene Stück gespielt wurde. Gänsehaut garantiert. Das rührende an solchen Streams war auch, dass viele Künstler*innen, statt Geld für sich selbst zu erwirtschaften, die Chance genutzt haben, um Geld für ihre Crew oder aber wohltätige Organisationen zu sammeln, so auch Matze Rossi. Denn was wir hinter all unseren eigenen Sorgen gern vergessen haben ist, dass auch während einer Pandemie die Welt noch an ganz vielen anderen Ecken brennt und das im wahrsten Sinne des Wortes, wenn wir unsere Blicke in Richtung Australien oder Moria schleifen lassen haben.

Matze Rossi (Foto: Thea Drexhage bs! 2017)

Ausblick 2021

Der Impfstoff steht zwar in den Startlöchern, aber ob Konzerte schon in 2021 wieder so stattfinden können, wie wir uns das wünschen? Wer weiß, mich schüttelt es ja schon, wenn sich Menschen in Film und Fernsehen nicht an den Sicherheitsabstand halten. Da wird in den Köpfen eine Menge Arbeit nötig sein. Was ich aber weiß ist, dass ganz viele kluge Köpfe die Chance nutzen werden neue Festivals auf die Beine zu stellen, die direkt mit einem Sicherheitskonzept ausgestattet werden. Dadurch können sie so stattfinden, wie es teilweise im letzten Sommer der Fall war. So etwas passiert beispielsweise in Scheeßel, wo das ehemalige „Heimat-Festival“ nun zum Mit Freunden-Festival wird und mit ersten Bands wie Provinz, Pabst und Abramovicz äußerst vielversprechend ist. Da, wo alte Sachen nicht mehr funktionieren, wird immerhin Platz geschaffen für etwas Neues.
Ein komplett anderes Thema ist auch die rätselhafte Aktivität auf den Kanälen von Death From Above, die eventuell auf Album Nr. 4 in 2021 hinweisen? Das wär was…

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Thea Drexhagehttps://www.be-subjective.de
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 10 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Sartre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.