Sie heißen Dean, Marshall, Ceri und Michael. Und sie sind alle irgendwie gefühlt unwichtig. Sie sind halt nur die Rhythmusgruppe, das Beiwerk, die Kerle im Hintergrund. Sie stehen auf der gleichen Bühne und sind doch nur Staffage. Wenn ihr Frontmann mal nicht mehr ist, dann ist auch das Ende der Band gekommen. Möglicherweise. Aber zum Glück ist das Ende nicht in Sicht. An diesem Abend im ausverkauften Capitol in Hannover zeigt sich mal wieder, wer hier der Boss, der Macker, der Macher ist. Wegen Justin sind 1600 Fans im Venue und bekennen sich…
Sind wir nicht alle Sulli-Fan?!

Doch bevor die Army aufmarschiert, kommt erstmal Amy auf die Bühne. Amy Montgomery ist Frontfrau der Preyrs, einer Band aus Irland, wie sie des Öfteren im Laufe des Abends erwähnt. Werbung muss sein. Die macht sie auch für die neue Single „Into the Blue“ vom Debütalbum „The Wounded Healer“, das superfrisch am 14.11.2025 erschienen ist. Musikalisch geht’s in Richtung Alternative Rock gepaart mit knackigem Metal, macht in Summe Industrial. Frontfrau Amy ist ständig unterwegs auf der Bühne. Singen, Posen, Schreien. Die Lieder zeigen immer wieder Gegensätze auf: Laut/Leise, Gut/Böse, Metallisch/Akustisch. Das ist das Konzept der Band. Wo kommen die nochmal her? Ach ja, Irland! Werbung muss sein.
New Model Army gründeten sich bereits 1980. Und ein Blick in die Geschichte gibt Aufschluss, warum das wichtig war. Die USA und die Sowjetunion waren in der „zweiten Phase des kalten Krieges“. Afghanistan wurde von der Sowjetunion besetzt, es gab Krieg zwischen Irak und Iran. In Europa gab es die „Ölkrise“ und hohe Arbeitslosigkeit in vielen Ländern. Speziell im United Kingdom setzte Margaret Thatcher Privatisierung, Deregulierung und soziale Einschnitte durch. What a shit. Zeit sich zu Wehren. Der Name der Band geht tatsächlich zurück auf eine Parlamentsarmee, die im englischen Bürgerkrieg im 17.Jahrhundert unter Führung von Oliver Cromwell gegen die royalistischen Truppen kämpfte.
Die Zeiten waren hart unter der ersten Regierung von Margaret Thatcher. „Wir fanden es eine gute Idee, uns nach einer Armee zu benennen, die eine Revolution gegen die Regierung gewagt hat“, so der Bandleader. Ursprünglich zu Dritt, besteht die fünfköpfige Band aktuell aus Justin Sullivan (Hauptgesang und Gitarre), Michael Dean (Schlagzeug), Dean White (Keyboard und Gitarre), Marshall Gill (Gitarre) und Ceri Monger (Bass). Also, auf ihr fünf wackeren Streiter. Attacke. Äääh, nö.
These are the days that we’ll recall
when the masks are off the faces
and there’s something to fight for
All the lines drawn down in the Soul
You can let your anger burn crazy
Erstmal kommt der Meister himself, allein und akustisch auf die Bühne. Die ersten drei Songs gehören ihm. Im Opener „Snelsmore Wood“von 1996 wird das Publikum darauf eingeschworen, das es sich lohnt für eine Sache zu kämpfen. Recht hat er, aber man muss halt immer wieder die Leute da hin schubsen. Das ist sein Auftrag, sein Lebenselixier, Sullivan ist ein Getriebener, wird es immer sein.
Nach drei Songs ist der Akustik-Part vorbei, es wird elektronisch eingestöpselt und ab jetzt gibt´s auf die Ohren. Jetzt marschiert die Army nach vorn. Lieder aus 45 Jahren Bandgeschichte, jeden Abend eine andere Setlist. Stilistisch gibt’s genauso eine bunte Tüte zum Naschen. Folk und Rock und Punk und Postpunk. Jetzt rockt die Gemeinde, wenn Prediger Sullivan seine Worte ins Publikum schleudert, den Blick immer geradeaus gerichtet. Ist halt ein Geradeaus-Typ, der 69-jährige. Keinesfalls geradeaus geht’s im Publikum zu. Hier tobt der Moshpit. Nicht immer geht es nur um politische Themen, auch über Narzissmus singt der Brite. Zum einen in „Notice me“ aus 1984 und dem 40-Jahre-danach-Song „If I am still me“. „51st State“ von 1986 ist immer dabei, weil immer und immer und immer aktuell als Abgesang auf die europäische US-Hörigkeit. Auch „Vagabonds“aus dem Jahr 1989 schafft es diesmal in die Verlosung und in die Zugaben. Ganz zum Schluss „Wonderful Way to Go“. Ja, der Weg war wirklich wunderbar. Schöner Abend für Sullivan und die Sulli-Fans. Schöne Einzelleistung?! Nein. Ohne seine hervorragende Band wäre Sullivan nur ein Justin. Das weiß auch der Anführer.
Galerien (by Michael Lange bs! 2025):
Setlist New Model Army:
- Snelsmore Wood
- Die Trying
- Another Imperial Day
- Christian Militia
- Echo November
- First Summer After
- Winter
- Notice Me
- Brother
- Lust for Power
- If I Am Still Me
- Legend
- No Rest
- Before I Get Old
- Angry Planet
- See You in Hell
- Stormclouds
- 51st State
- 225
- Purity
- Vagabonds
- Wonderful Way to Go