Review: Nena – Ihr kennt sie vielleicht noch von ein paar Klassikern aus den 80ern (30.05.2018, Oldenburg)

Nena (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Seit Tagen wird Oldenburg von einer für Norddeutschland untypischen Hitzewelle heimgesucht. Temperaturen von 30° und mehr sorgen dafür, dass sich die freistehende kleine EWE-Arena richtig aufheizen konnte. Erschwerte Bedingen für Künstler, Staff und Publikum.

Nichts desto trotz lassen es sich die meisten nicht nehmen, diesen Abend zu erleben. Bereits lange vor Konzertbeginn sammeln sich große Menschentrauben vor den Bierwägen der EWE-Arena, um sich mit dem ein oder anderen kalten Getränk abzukühlen. Der Drang so schnell wie möglich in die Halle zu kommen ist an dieser Stelle jedoch nur mäßig, aber so gibt es immerhin keine unnötig langen Schlangen.

Jonas Monar (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Erst 1,5h nach Einlassbeginn beginnt das eigentliche Programm. An diesem Abend eröffnet Jonas Monar.  Auch wenn die meisten Gäste ihn nicht zu kennen scheinen, ist die Musik nichts Unbekanntes. Glattgebügelter, deutschsprachiger Radiopop ohne Ecken und Kanten- leider auch ohne großen Wiedererkennungswert.

Die Menschen im Saal nehmen es hin, vielen gefällt es sogar. Einige haben da jedoch etwas andere Assoziationen – schließlich gewinnt Monar allein mit der Textzeile

„Komm lass das nie zu Ende gehen, Ich will die ganze Welt tanzen sehen“

aus dem Song „Nie zu Ende gehen“ schon ganze zwei Punkte im Jim Pandzko Songschreiber Bingo. Der junge Monar kündigt in jeder Ansage seine Solotour an, die in baldiger Zukunft auch durch den Schlachthof Bremen führen wird, um vielleicht noch den ein oder anderen Gast zu gewinnen. Abgesehen von der eher generischen Musik, liefert Jonas Monar mit seinen beiden Mitmusikern jedoch einen souveränen 30-minütigen Auftritt ab.

Jonas Monar (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Bereits wenige Minuten nach Auftrittsende wird ein großes Keyboard am vorderen Bühnenrand platziert. Dies gehört zu der 15-jährigen Alica Reena, Youtuberin und ehemalige The Voice Kids Kandidatin, für die Nena an diesem Abend Platz für zwei Songs eingeräumt hat.

Alica Reena (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Schüchtern und mit geschlossenen Augen covert sie die Songs „Jar of Hearts“ von Christina Perri und „When I was you man“ von Bruni Mars – und das ganz hervorragend. Das Publikum bedankt sich mit ordentlichem Applaus.

Nena (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Und auch die nächste Umbaupause geht sehr schnell von statten – nichtsdestotrotz beginnt das Konzert von Nena erst 10 Minuten später als angekündigt. Die schwitzende Menge harrt aus, bis sich die Bühne endlich verdunkelt und Nenas neun Musiker auf der Bühne ihre Plätze einnehmen. Der erste Song ist „Indianer“ und die Menge hat sofort Bock. Als Nena kurze Zeit nach ihren Kollegen in schwarz-roten Lederklamotten auf der Bühne erscheint ist der Jubel laut. Und dann beginnt das große schwitzen. Auch nach 40 Jahren auf der Bühne wirkt Nena kein bisschen müde und flitzt fit wie ein Turnschuh von A nach B. Wie sich das in Lederklamotten bei diesen Temperaturen anfühlen muss, mag mensch sich kaum vorstellen.

Zügig wird sich durch das umfangreiche Set aus alten Perlen und neuen Songs gespielt, die Menge nimmt alles dankend an. Die Show ist perfekt inszeniert und durchchoreografiert – alles stimmt. Der Ton, die tolle Lichtshow und die Stimmung auf der Bühne, nicht zuletzt dank Nenas engagierten MitmusikerInnen.

Die Leute nehmen das nicht ernst
Und es geht ihnen auf die Senkel
Die Alte macht auf hip
Dabei hat sie schon ein paar Enkel

Nach einem längeren Instrumentalpart erscheint Nena unter Konfettiregen auf einer winzigen Bühne inmitten des Saals wieder. Dort übernimmt sie selbst die blinkende E-Gitarre, während sie sich mit ihrem Schlagzeuger und Bassisten auf das kleine Podest quetscht und ihren selbstironischen Song „Berufsjugendlich“ schmettert. Und plötzlich hat sich etwas verändert, der Sound ist etwas rauer und erinnert an Nenas Anfangszeiten. Fetzt. Findet auch das Publikum, denn plötzlich wirkt alles etwas spontaner und persönlicher.

Wie wäre es denn mal mit einer Clubtour in Minimalbesetzung?

Zurück auf die große Bühne geht es mitten durch die Menge – wo sich die MusikerInnen fleißig bis zum ersten Höhepunkt „Leuchtturm“ hocharbeiten. Als Nena in ihrer Lederjacke festklebt und sich nicht selbst befreien kann, menschelt es auch endlich ein wenig. Doch nicht alles ZU perfekt. Im Laufe des Abends werden von den MusikerInnen mehrere Stiegen kaltes klares Wasser in die schwitzenden ersten Reihen verteilt – für „99 Luftballons“ brauchen schließlich alle wieder Energie. Als es soweit ist werden vier riesige Ballons ins Publikum geworfen, die quer durch die Halle fliegen, während Nena performt als wäre es 1983.

Heute zieh‘ ich meine Runden
Seh‘ die Welt in Trümmern liegen
Hab ’n Luftballon gefunden
Denk‘ an dich und lass‘ ihn fliegen.

Mit diesen Zeilen verabschieden sich die MusikerInnen hinter die Bühne, um kurz Luft zu holen. Von uns sei an dieser Stelle angemerkt: Wenn ihr mal ´nen Luftballon findet, lasst ihn nicht steigen – das ist nämlich Umweltverschmutzung.

Nena (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Viele Gäste sehen die Verschnaufpause als Anlass, den Abend zu beenden. Der größte Hit ist gespielt, die Höchsttemperatur erreicht und kaum noch aushaltbar.

Schade eigentlich. Denn während der Zugabe findet sich Nena wieder auf der kleinen Bühne mitten im Saal ein, um mit „Oldschool“ und einer Rap-Einlage von Samy Deluxes „Fantasie“ noch einmal richtig aufzudrehen. An dieser Stelle wäre es verständlich, hätte sie den Abend beendet. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. Aber natürlich darf „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ nicht fehlen, doch auch das soll noch nicht alles gewesen sein. Der letzte Song des langen Abends ist „Immer noch hier“, welchen Nena bereits in den vergangenen Wochen auf ihren Social-Media Kanälen teaserte. Und dann geht er zu Ende, der fast schon zu perfekte Abend mit Nena. Endlich können die Menschen aus der warmen Halle um sich abzukühlen – doch Fehlanzeige. Von Abkühlung gibt es in Oldenburg keine Spur.

Galerien (by Thea Drexhage bs! 2018):

Nena (Foto: Thea Drexhage bs! 2018)

Setlist Nena:

  1. Indianer
  2. Ganz Oben
  3. Nur Geträumt
  4. Rette Mich
  5. Kino
  6. Tanz auf dem Vulkan
  7. Kleine Taschenlampe brenn/Satellitenstadt
  8. Fragezeichen
  9. Haus der 3 Sonnen/Feuer und Flamme
  10. Es wird schon weitergehen
  11. Noch einmal
  12. Berufsjugendlich
  13. Du kennst Liebe nicht
  14. Weisses Schiff
  15. Lass mich dein Pirat sein
  16. Einmal ist keinmal
  17. Liebe ist
  18. Wunder geschehen
  19. Leuchtturm
  20. 99 Luftballons (+ Beatles „Hey Jude“)
    Encore 
  21. Genau jetzt
  22. Oldschool (+Samy Deluxe „Fantasie“)
  23. Willst du mit mir gehen
  24. Irgendwie Irgendwo Irgendwann
  25. In meinem Leben
  26. Immer noch hier

Links:
www.nena.de
www.jonasmonar.de
www.youtube.com/Alica_reena

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Thea Drexhage
Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 100 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber - das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein - dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Satre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.