Start Events Festivalberichte Review: Taubertal Festival – Emotionaler Sommer

Review: Taubertal Festival – Emotionaler Sommer [2025]

Impression vom Taubertal Festival (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Das Motto „Sommer, Sonne, Taubertal“ ist in diesem Jahr wahrlich eingetreten. Gefühlt wochenlang regnete es vor Festivalstart, kaltes und tristes Wetter, wie soll da Festival-Stimmung aufkommen? Aber der Wettergott meine es gut mit den Taubertal-Rockern, denn er sendete warme Luft, wenig Wolken und viel Sonne nach Rothenburg ob der Tauber. Die Veranstalter gingen auf Nummer sicher und verschoben die Eröffnung des „Camping Berg“ auf 14 Uhr (anstatt 09 Uhr), um das restliche Wasser ablaufen zu lassen und einen stabileren Boden für die Besucher zu haben. Das Vorhaben glückte bravourös!

Impression vom Taubertal Festival (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Für diese Ausgabe gab es einige Änderungen, so war die Wichtigste, dass die kultige Location „Steinbruch“ nicht mehr dazu gehörte. Grund dafür war der stetige Platzmangel, der leider dazu führte, dass Jahr für Jahr zahlreiche Feierwütige draußen bleiben mussten. Die traditionellen Warm-Up-Shows wurden somit ins Tal auf die Hauptbühne verlegt. Ein cleverer Schachzug, denn somit wurden den erneut rund 15.000 Besuchern von Anfang an genug Platz geboten. Alles bereit für die „Party-People“ und deren besondere Taubertal-Feierlaune. Aber übertrug sich diese Stimmung auch auf die auftretenden Künstler*innen?

Dubioza Kolektiv (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Man schaut gespannt auf die Uhr: Um 18:15 Uhr soll der Tag eröffnet werden mit dem Dubioza Kolektiv. Pünktlich wie die Maurer legen die Herrschaften aus den Balkanländern los mit einer ordentlichen Mischung aus Dub, Ska und HipHop. Wer die Band heute zum ersten Mal sieht, könnte annehmen, man sei bei einem Fanclub von Borussia Dortmund vor der Bühne. Die schwarz-gelben Outfits lassen dies zwar denken, doch dies sind ihre eigens gestalteten „Trikots“ als Markenzeichen. Der Musik tut dies keinen qualitativen Abbruch, denn die Menschenmenge füllt sich nach und nach und schwingt das Tanzbein. So sind alle Anwesenden am Ende vom Set „[Balkan-Girls and] Balkan-Boys“ und die Band setzt mit dem „Banana-Man“ (ein als Banane kostümierter aus dem Publikum) den berühmten Balkantanz an. Ein toller Opener für das Festival!

H-BlockX (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Was danach folgt kann man nur als Machtdemonstration bezeichnen. Die H-Blockx sind nach einigen Jahren Pause wieder zurück und heizen das Taubertal ein. Und wie! Die Münsteraner befinden sich aktuell im Studio, um ihre neue Platte aufzunehmen und man merkt ihnen regelrecht an, wie viel Bock sie auf den Auftritt haben. Im Mittelpunkt des Sets steht ihr Album-Klassiker „Time To Move!“, welches 2024 sein 30-jähriges Jubiläum feierte. Hits wie „Risin´ High„, „Revolution„, „Pour Me Glass“ oder das gänsehautverursachende „Little Girl“ klingen genauso frisch wie damals. Der endgültige Beweis ist der Partykracher „Move„, bei dem Sänger Henning Wehland das Publikum anfeuert und zum Springen auffordert. Gesagt, getan! Wer danach noch Kraft hat, der darf sich beim Abschluss „Ring Of Fire“ dem „Ring Of Love“-Circle-Pit anschließen. Mit dieser Energie im Rücken, freut man sich schon auf das neue Album der deutschen Crossover-Pioniere. Ein Auftritt, der headlinerwürdig gewesen wäre.

Mehnersmoos (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Diesen Status haben jedoch die Frankfurter HipHopper Mehnersmoos inne. Was die Performance an sich und die Menschenmenge vor der Bühne betrifft, ist dieser auch gerechtfertigt. Musikalische Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. So lässt sich deren musikalischer Ansatz auch überwiegend positiv durchwinken, jedoch muss man die größtenteils pubertären und infantilen Texten akzeptieren. Hurensöhne, Anal-Sex, Masturbationsabläufe und sonstige „Ergüsse“ bestimmen das lyrische Konzept. Kann man mögen, muss man aber auch nicht. Fans des Rapper-Duos sind eh von ihnen begeistert und so können sie samt ihrer Live-Band im Rücken auch die meisten Anwesenden von sich überzeugen. Alkoholpegel hin oder her. Unabhängig davon funktioniert ein Song wie das ins Ohr gehende „Bir„. Größter Pluspunkt an dem Auftritt ist aber Schlagzeuger Luca Dechert, der nicht nur exzellent sein Kit bearbeitet, sondern auch im Laufe des Abends als Saxofonist brilliert. Hierbei wird Niveau nicht Nivea geschrieben. Unterm Strich kann man diesen 75-minütigen Gig (diese Spielzeit hatten auch Dubioza Kolektiv und die H-Blockx) mit den typischen fränkischen Worten „bassd scho“ zusammenfassen.

Steve Clash (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Als Abschluss des Tages folgt ein Novum: Die Silent Disco. Wer noch bis 2 Uhr in die Nacht hinein feiern will, kann sich via Kopfhörer beschallen lassen. Diese gibt es am Ausgabebereich gegen Einwurf kleiner Scheine (5 Euro Gebühr plus 20 Euro Pfand) zu erwerben. DJ Steve Clash legt auf, dessen Set an die Kopfhörer übertragen wird. Auf diese Weise entsteht die größte Silent Disco Süddeutschlands. Der Anblick ist ungewöhnlich, die Lärmbelästigung eingedämmt, die Stimmung aber top! Schiefe Gesänge kriegen nur die mit, die keine Kopfhörer tragen oder man begibt man sich in sein Zelt, um Kraft zu tanken für den nächsten Tag.

From Fall To Spring (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Der Festivaltag startet auf der Sounds For Nature Stage mit den ersten Bands des Emergenza-Band-Contests: Corduroy County und Brostein. Danach folgt mit From Fall To Spring die erste Gruppe des heutigen Festival-Line-Ups. Die Saarbrückener ziehen einige Schaulustige vor die Bühne, denn wir reden hier von einem diesjährigen ESC-Anwärter. Die Jungs sind zwar frühzeitig bei Stefan Raabs „Chefsache ESC 2005“ ausgeschieden. Dies ist aber kein Grund zu lamentieren und gegen die Entscheidung weiterhin zu wettern. Der Drops ist längst gelutscht. Sie sollten es nicht nicht weiter in den Fokus stellen und sich lieber gesünderes Selbstbewusstsein aufbauen. Denn an ihrer Performance erkennt man, dass die Grundlage dafür gegeben ist. Die junge Band gibt ordentlich Gas, interagiert mit den Zuschauern und serviert neben ihren eigenen guten Songs, noch das Linkin Park-Cover „In The End“ als Abschluss. Potenzial ist vorhanden, noch mit Luft nach oben!

Hilltop Hoods (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Auf der Taubertal Stage eröffnen Hilltop Hoods den Tag. Die meisten Anwesenden sehen die HipHopper aus Down Under das erste Mal und dies wird ihnen positiv in Erinnerung bleiben. Die Musik der Australier ist unaufdringlich, entspannt und wird immer wieder mit bekannteren Songs und Melodien (u.a. Bobby McFerrins „Don´t Worry, Be Happy„) aufgelockert. Viel Action wird zwar nicht geboten, muss aber auch nicht sein, denn langweilen tut man sich genauso wenig.

Wer es ein wenig energiereicher mag, hat sich inzwischen einen Platz bei Raum27 gesucht. Die Bremer Indie-Poprocker wärmen die Leute auf, bevor es wieder zurück zur Hauptbühne mit Enter Shikari geht. Man könnte den Auftritt und die Musik der Briten wie das berühmte Zitat aus dem Film „Forrest Gump“ beschreiben: „…ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt.“ Man hat zwar von der Band eine intensive und lustvolle Performance gesehen, aber die Show hatte einige Kritikpunkte zu bieten: Allen voran ist der Sound unausgeglichen; Beats, Drums und Bass bestimmen zumeist das Klangbild, die Gitarre ist kaum rauszuhören und verschwindet im Gedröhne. Sänger Roughton Reynolds geht darin auch immer wieder unter und bekommt stellenweise höhere Töne nicht ins Mikrofon. Zu allem Überfluss kommen die Songs darin nicht wirklich zur Geltung, wobei auffällt, dass viele Arrangements ohne roten Faden konzipiert sind. Parts die zick-zack-förmig hin und her gehen, sperrig wirken und eine gewisse Eingängigkeit vermissen lassen. Es verwundern ein wenig die „Enter Shikari„-Freudenchöre, aber hier sind die Fans und Sympathisanten der Band am Grölen. Es sei Ihnen gegönnt, aber ansonsten sahen die Pralinen besser aus als sie geschmeckt haben…

Dieses Urteil wird dahingehend bestätigt, dass der Platz vor der Bühne während des Gigs nicht komplett gefüllt ist und schleichend weniger wird. Man ist rechtzeitig zur Sound For Nature Stage rüber gewandert, um noch eine Lücke bei Paula Carolina zu finden. Die junge Sängerin scheint die Leute wie ein Magnet anzuziehen, denn es ist kaum ein Durchkommen. Wer es schafft den Auftritt zu verfolgen, kann sich glücklich schätzen.

I Prevail (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Wer Pech hat, der geht zurück und sucht sich einen geeigneten Platz vor der Bühne, denn als nächstes stehen I Prevail auf dem Plan. Was der Soundmann von Enter Shikari kurz zuvor verbockt hat, wird hier richtig gemacht: Bombensound, kraftvoll und brutal gut. Die Jungs aus Detroit starten mit Iron Maidens „The Trooper“ als Intro stilvoll in ihr Set. Ihr Mix aus Metalcore und Modern Metal sorgt für eine passende Stimmung. Growls und Shouts wechseln sich passend mit Clean-Vocals und feingestreuten Melodien ab. Das Taylor Swift-Cover zu „Blank Space“ hat zwar seinen Unterhaltungswert, aber da gefällt das Cover-Medley aus „My Own Summer“ (Deftones), „Them Bones“ (Alice In Chains) und „Chop Suey!“ (System Of A Down“) schon mehr. Gänsehautstimmung wird bei „Hurricane“ erzielt, das in einem Feuerzeug- und Handylichtermeer gehüllt und Dave Shapiro, ihr einstiger Manager, der im Mai diesen Jahres bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, gewidmet wird. Ein enorm starker Auftritt, mit kleinen Makeln: Die Spielzeit wird leider nicht vollkommen ausgeschöpft und so geht man schon 10 Minuten eher von der Bühne zu den Outro-Klängen von „Dragostea Din Tei„. Ein etwas fader Beigeschmack…

Im Anschluss wird es noch mal richtig heiß: Papa Roach dürfen als Headliner den Tag beenden und setzen neben feuriger Pyro-Show u.a. auf brandneues Material („Braindead„). Natürlich hat man auch die eigenen Klassiker im Gepäck wie „Scars„, „Blood Brothers„, „…To Be Loved„, „Getting Away With Murder“ und „Between Angels And Insects„. Sänger Jacoby Shaddix nimmt sich Zeit und lässt das Publikum für einen Moment schweigen, um nahestehenden Menschen zu Gedenken die verstorben sind. Ebenfalls werden Chester Bennington (Linkin Park) und Ozzy Osbourne gewürdigt mit einem kurzen Medley aus „In The End“ und „Changes„. Das Thema Verlust war ihm bzw. der Band stets wichtig, wie viele ihrer Songtexte zeigen. So wird ein Präventions-Video auf den großen Monitoren eingespielt, um zu zeigen, dass man Menschen mit Depressionen helfen kann und sie nicht alleine sind. Das gibt Mut! Für die Kalifornier ist es eine Ehre, wenn ihnen gesagt wird, dass Leute mit ihrer Musik durch schlimme Zeiten gegangen sind und ihr Leben gerettet haben. Sichtlich ergriffen geben Jacoby und seine Kollegen alles. Mitgerissen von der Stimmung steigen sie ins Finale ein: Ein weiteres kurzes Medley aus Korns „Blind“ und Limp Bizkits „Break Stuff“ (Songs, die großen Einfluss auf sie hatten), ehe der Band-Hit „Last Resort“ gespielt wird. Es gibt kein Halten mehr, das enorm gefüllte Tal geht steil! Ein starker Auftritt, der vielleicht noch Songs wie „She Loves Me Not“ und „Broken Home“ vermissen hat lassen, aber das ist an diesem Abend nur Jammern auf hohem Niveau. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen geht man entweder noch auf dem Campingplatz ins Festival Village oder direkt ab ins Zelt zum Schlafen.

Betontod (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Wirft man einen Blick auf das Line Up des heutigen Tages, stellt man fest, dass man sich einiges anzusehen hat. Los geht es direkt mit den Punkern von Betontod. Sie sind das erste Mal zu Gast auf dem Taubertal Festival, aber man muss es gleich vorweg nehmen: Dieser Auftritt war einer der besten, wenn nicht sogar der beste, des Tages. Schade nur, dass sich so wenig Zuschauer vor der Bühne versammeln. Diejenigen, die anwesend sind, kriegen jede Menge Hits auf die Ohren: das großartige „Neonlicht„, „Keine Popsongs“, „Nie Mehr St. Pauli Ohne Dich„, „Hömmasammawommanomma“ und „Viva Punk„. Die Spielzeit ist eigentlich schon abgelaufen, aber es fehlt noch ein wichtiger Song.

Egal, gerne werden hier fünf Minuten überzogen und die Leute bekommen mit „Traum Von Freiheit“ einen grandiosen Abschluss. Betontod dürfen sehr gerne wieder kommen, aber dann bitte mit einem besseren Slot. Dann wird es auch wieder heißen „Tanz im Algorithmus„!

Irie Révoltés (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Im Anschluss folgt mit Irie Révoltés eine Band, die schon mehrfach Taubertal Festival-Erfahrungen sammeln konnte. Man merkt der Formation zu keiner Zeit an, dass sie sich vor acht Jahren aufgelöst hatten und erst seit diesem Jahr wieder aktiv sind. So bringen sie ihren Mix aus Reggae, Ska, HipHop und Dancehall frisch auf die Bretter der Taubertal Stage. Zahlreiche Menschen haben sich vor der Bühne eingefunden und geben sich den treibenden Beats hin. Ein toller Gig, willkommen zurück!

Madsen (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Auf der Sound For Nature Stage bekommt man von Revnoir frischen Modern Metal serviert, ehe man sich zur Hauptbühne für Madsen begibt. Die Niedersachsen haben das Taubertal bereits zum siebten Mal in ihrer Vita stehen und wissen wie der Hase hier läuft. So auch heute. Sie nehmen das Publikum von der ersten Sekunde an gefangen. Die „Sirenen“ ertönen, gehen danach „Nachtbaden“ und mit „Faust hoch“ fordert man permanent „Lass Die Musik An„. Die Indie/Punk-Rocker lassen nichts anbrennen und sorgen für viele freudige Gesichter. Auch bei denen, die die Band heute das erste Mal gesehen haben. Daumen hoch!

Die Umbaupause überbrückt man mit Heisskalt, die auf der Nebenbühne in ihr 70-minütiges Set starten. Der Platz ist gut gefüllt, gespannter Blick auf die Dame und die drei Herren. Die Musik der Baden-Württemberger ist nicht ganz einfach zu verdauen. Gedanklich kommen einen dabei Gruppen wie Refused, Fjørt und Brutus in den Sinn, nur noch etwas sperriger. Wer die Songs das erste Mal hört, wird nicht direkt Zugang dazu finden. Party-Stimmung kommt keine auf. Das ist aber auch nicht das Ziel des musikalischen Konzepts von Heisskalt. Ihre Musik muss man sich mehrfach zu Gemüte führen, um in ihre Welt eintauchen zu können. Neulinge hören jedoch einige interessante Arrangements heraus und man setzt sie sich auf die Merkliste für die Entdeckungs-Playlist.

01099 (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Auf die genannte Playlist werden viele sicherlich auch 01099 (die Postleitzahl von Dresden-Neustadt fungiert als Bandname) notieren. Wobei man merkt, wenn man die Rap-Crew aus Sachsen hört, dass einige Songs vertraut klingen. Vielleicht hat man die Taubertal-Neulinge, nicht bewusst auf dem Schirm gehabt, aber viele ihrer Lieder werden bei Social Media-Post als Hintergrundmusik verwendet. Es ist auch nicht verwunderlich, da sie mit dem Track „Frisch“ einst auf TikTok bekannt geworden sind. Live schlagen sich die Jungs mehr als wacker, wobei ihre Musik als passender Soundtrack für Samstagabende und -nächte dienen. Rap trifft auf Rave-Beats, simple Eingängigkeit, die sich in die Beine entlädt. Unbeschwert und losgelöst tanzt man u.a. zu „Durstlöscher“ oder „Nachtschicht„. Wenn man etwas an der Musik kritisieren kann, dann der permanente Einsatz von AutoTune. In diesem musikalischen Bereich ist dies aber auch keine Überraschung.

Für Team Scheisse ist AutoTune ein Fremdwort. Hier gibt es nur simplen, räudigen und schnörkellosen Punkrock zu hören. Die Bremer sind nach 2023 wieder zu Gast auf der Sounds For Nature Stage, aber nun zu späterer Stunde. Im Vergleich zu damals stellt man fest, man ist vom Auftreten her gereift und bringt den asseligen Humor besser auf den Punkt. Die Songs sind nach eigenen Wortlaut alles nur Zugaben und die können sich sehen lassen: „EDK„, „Raucherpausenvibes„, „Schmetterling„, „Frank“ oder „Kaffee Die Tage„. Es ist proppenvoll vor der Bühne und kaum ein Durchkommen. Mit diesem Andrang musste man rechnen, denn die Beliebtheit und der Bekanntheitsgrad der Punker steigt kontinuierlich. Wenn sie das nächste Mal zu Gast sind, dann womöglich auf der Hauptbühne.

Kontra K (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Dort darf Kontra K als Headliner performen. Wobei hier erstmal ein wenig Geduld gefragt ist, denn der Rapper startet zehn Minuten später als angedacht. Ob die Position gerechtfertigt ist, darüber kann man streiten. Vom Status, den er inne hat, ist dies verdient. Die Taubertal-Besucher sind jedoch nicht allen d’accord. Es fällt während des Gigs auf, dass der Platz zwar gut gefüllt ist, aber bei weitem nicht so dicht ist, wie es am Vorabend bei Papa Roach der Fall war. Unterm Strich liefert der Berliner aber ab. Pyro-Technik, die das Tal zum Kochen bringt, Lines die nah gehen und einen nachdenklich werden lassen. Wer Kontra K schon mal live gesehen hat, der weiß, was einen erwartet. Der charmante Bad Boy zieht die Anwesenden durch seine Tracks an (und nicht vordergründig durch seinen später freiwerdenden stählernen Oberkörper), die viele mitsingen lassen: „Letzte Träne„, „Monster„, „Oder Nicht„, „Summertime“ oder seinen aktuellen Hit „Geboren Um Zu Leben„. Als Finale beschließt „Erfolg ist kein Glück“ den Auftritt, der kurz nach Mitternacht sein Ende findet.

Thormesis (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Während Kontra K auf der Taubertal Stage den Tag abschließt, hat man die Möglichkeit das komplette Kontrastprogramm zu erleben: Thormesis. Die musikalisch härteste Band des gesamten Festivals darf aufspielen, mit atmosphärischen Black Metal. Man sollte nicht unerwähnt lassen, dass das Quartett quasi hier Heimspiel hat, denn die Band kommt direkt aus Rothenburg ob der Tauber. Wenn man bedenkt, dass zeitgleich Kontra K spielt und den meisten Festivalbesucher diese Musik eher nicht zusagt, so finden sich dennoch verhältnismäßig viele Zuschauer vor der Bühne ein. Dies attestieren die Herrschaften ebenfalls und bedanken sich mehrmals dafür. Wer grundsätzlich auf die hartgesottenere Musik steht, für den ist der Sound in diesem Moment eine absolute Wohltat. Angenehm frisch und wohltuend gehen die brachialen Gitarrenklänge ins Ohr. Gespannt sieht man der Band beim Spielen zu und man merkt nicht mal, wie schnell 45 Minuten vorbei sein können. Dass Thormesis beim Taubertal Festival auftreten durften ist äußerst positiv zu bewerten. Gerne mehr davon!

100 Kilo Herz (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Auf geht es in den letzten Festivaltag mit 100 Kilo Herz. Hat man überraschenderweise noch am Vormittag im Festival Village am Campingberg ein Accoustic-Set gespielt, steht man am Nachmittag auf der Sound For Nature Stage mit dem Hauptauftritt. Der Brass Punk der Leipziger eignet sich gut, um die müden Knochen der vergangenen Tage nochmal in Schwung zu bringen. Der Sound geht angenehm ins Ohr, man nickt mit dem Kopf oder wippt mit dem Fuß im Takt der Musik mit. Diejenigen, die noch mehr Energie haben, legen eine heiße Sohle auf den staubigen und trockenen Boden. Neben tanzbaren Melodien werden die wichtigen Statements nicht vergessen. So ist der Finalsong „Keine Zeit Angst Zu Haben“ eine klare Ansage.

Emil Bulls (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Apropos Ansage: In musikalischer Hinsicht machen dies Emil Bulls mehr als klar. Aus performancetechnischer Sicht aber ein wenig unsicher, denn man hat die Setlist explizit für heute abgeändert und Sänger Christoph von Freydorf kommt immer mal wieder durcheinander bei den Ansagen. Aber Schwamm drüber, die sympathischen Münchener machen die kleinen Fauxpas locker wett und schmettern einen Hit nach dem anderen in die Menge: „Not Tonight Josephine„, „Euphoria„, „Here Comes The Fire„, „The Ninth Wave„, „When God Was Sleeping“ oder „The Jaws Of Oblivion„. Daher ist es etwas unverständlich, warum Emil Bulls nur auf der Nebenbühne und nicht auf der Hauptbühne spielen. Es wäre bestimmt machbar gewesen, den Gig um den Emergenza-Band-Contest-Gewinner (in diesem Jahr Crimson Bloom aus Deutschland) herum zu planen. Bitte beim nächsten Mal korrigieren!

Ennio (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Auf der Taubertal Stage hat Ennio inzwischen Platz genommen. Vielen dürfte der Münchner (bürgerlich Ennio Frankl) durchs Radio bekannt sein, denn seine Songs wie „Zeit“ oder „Fühlst Du Gar Nichts?“ werden regelmäßig gespielt. Der Auftritt passt gut zu einem Spätsonntagnachmittag. Wieso? Sowohl Erscheinungsbild, als auch die Musik, kann man als Besuch bei den Eltern oder Großeltern zu Kaffee und Kuchen samt Vorstellung des potenziellen Schwiegersohns in spe charakterisieren. Das ist nicht mal despektierlich gemeint, aber der familiäre Flair, der versprüht wird, sorgt für ein großes und herzliches Miteinander. Passend dazu hat Ennio auch seine Eltern heute dabei und widmet ihnen das Lied „2 Teile„. Der Besuch ist so sehr willkommen, dass er noch fünf Minuten länger bleiben darf, ehe er dankend und freudestrahlend die Bühne verlässt.

Ein wenig Kontrastprogramm gefällig? Dann geht es rüber zu den australischen Punkern von The Chats. Roh, schnoddrig und ungestüm gehen sie zu Werke. Das gefällt für den Moment; aber nicht auf Dauer. Zu eintönig, austauschbar und kaum etwas, das in den Ohren dauerhaft hängen bleiben kann. Die Coverversionen von Kiss und The Ramones sind eine erfrischende Wohltat dagegen. Die Band wird bestimmt ihre Fans (gefunden) haben, aber es ist nicht jedermanns Sache.

Nothing But Thieves (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Das könnte man auch über Nothing But Thieves sagen. Die Engländer fungieren als Co-Headliner und auch wenn ihre Musik zugänglicher ist, kann man sie nicht wirklich als ohrwurmtauglich bezeichnen. Radio-Rock? Angenehme Hintergrundberieselung? Unspektakulärer Indie-Rock? Zu allen drei Beschreibungen kann man zustimmend nicken. Nicht falsch verstehen: Der Auftritt ist gut, Langeweile kommt nicht auf, das Quartett spielt engagiert und strahlt dabei positive Vibes aus. Wem dieses Genre zusagt, der hat in diesem Moment seine Freude daran. Sieht man sich um, sind das schon mehr als nur eine Hand voll, aber so richtig gefüllt ist der Platz auch nicht. Kurzum: Musik für Liebhaber.

The Butcher Sisters (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Es tritt nun die letzte Band auf der Sound For Nature Stage für dieses Jahr auf: The Butcher Sisters. Was folgt, ist eine zwiespältige Angelegenheit. Für diejenigen, die von der Gruppe bisher noch nichts gehört haben, bekommen eine Menge Klamauk mit Augenzwinkern geboten. Seriosität ist hier fehl am Platz. Es werden die Lachmuskeln und der „Bierdurst“ aktiviert. Man kann sich dafür Fremdschämen oder kaputt lachen. Je nach Lust und Laune ist dies einem selbst überlassen. Sehen wir daher das Positive daran: Unterhaltungswert ist allemal geboten, ebenfalls fetter E-Gitarrensound und eingängigere Lines. Viele Schaulustige sind vor Ort, nebst Crowdsurfern und Party-Animals. Der große fade Beigeschmack: Rund 20 Minuten eher beendet man (vermeidlich) den Auftritt um danach noch festzustellen, man habe noch Zeit. Man überbrückt dies mit einem Trinkspiel und Schnick Schnack Schnuck mit Spielern aus dem Publikum, ehe man noch „Baggersee“ zum Besten gibt. Ob dies so gewollt ist und zur Show dazu gehört, sei mal dahingestellt. Warum man aber diese „Showeinlagen“ nicht lieber weglässt und dafür noch Songs wie die „Mein Stern“ oder „Herr Doktor“ darbietet, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Nicht schlecht, aber noch jede Menge Luft nach oben.

Yungblud (Foto: Michael Gerlinger bs! 2025)

Kommen wir lieber zum Headliner und letzten Konzert des Abends: Yungblud. Vor etwas mehr als einem Monat war er noch ein Gast-Performer des Black Sabbath/Ozzy Osbourne-Abschiedskonzert „Back To The Beginning“ im Birminghamer Villa Park, heute ist er der Main Act im Taubertal von Rothenburg ob der Tauber. Das zeigt nicht nur, welchen Status Yungblud hat, sondern auch, welche Künstler*innen des Taubertal Festival auffahren kann. Der junge Musiker ist ein aufstrebender Star und wird u.a. mit Iggy Pop verglichen. Dieser Gedanke ist nicht abwegig, denn beobachtet man seine Bewegungen auf der Bühne, so kommt einem der „Godfather Of Punk“ in den Sinn. Egal ob mit oder ohne Jack Daniel´s-Flasche in der Hand. Aber auch die laszive Weise eines Mick Jaggers. Ein anarchistischer Ansatz findet sich spätestens in seinen Songs wieder, sodass der Mix aus Indie- und Alternative-Rock den heutigen Zeitgeist trifft. Mit zehnminütiger Verspätung startet man mit „The Funeral“ und mit viel Konfetti in den nicht ganz ausgefüllten eineinhalbstündig geplanten Gig. Neben einigen heißen Momenten durch Pyrotechnik, folgen noch weitere Songs aus seinem Repertoire. Der Höhepunkt erfolgt aber mit dem Black Sabbath-Cover „Changes„, das dem Sänger emotional alles abverlangt. Ozzy Osbourne war ein enger Vertrauter und Freund von Yungblud und sein Tod nimmt ihn äußerst mit. Es ist der emotionalste Moment des Tages (wenn nicht sogar des ganzen Festival-Wochenendes). Er braucht einen Moment bis er gefasst und gefestigt ist und mit dem Worten „I feel unhappy…“ in den Klassiker einsteigt. Gänsehaupt pur wenn das gesamte Tal „I’m going through changes“ singt. Dieser Moment ist magisch. Der Track zeigt nicht nur den Einfluss und die Bedeutung für Yungblud, sondern auch, mit welch technischen Anspruch er gesungen werden muss. Mit all seinem Können und voller Leidenschaft meistert er diesen Kraftakt. Die danach folgenden Lieder können das kompositorische Niveau des Meisterwerks nicht halten, aber dafür ist seine Musik auch nicht im gleichen genretypischen Metier beheimatet. Was bleibt ist ein interessantes und emotionales Ende des Festivals, über das noch lange gesprochen werden wird.

Erst mal eine fast 12 monatige Pause, ehe es nächstes Jahr vom 06.08.-09.08.2026 auf der Eiswiese wieder heiß hergeht. Dann steht das 30. Jubiläum an. Die Erwartungshaltung steigt noch einmal höher, vor allem nachdem es für dieses Jahr einiges an Kritik für die Bandauswahl gab. Löblich daran war zwar die Breite der vertretenen Genres und den Mut auch mal ein paar „Frischlinge“ zu buchen. Man hat aber auch gemerkt, dass nicht die zugkräftigsten Interpret*innen vertreten waren. Dies hat mich sich wohl zu Herzen genommen, denn sieht man sich die ersten Bandbestätigungen an, liest sich das vielversprechender: Sido, SDP, Donots, Sportfreunde Stiller, Royal Republic, Itchy, Drei Meter Feldweg und Kaffkiez. Wir sind auf die weiteren Bekanntgaben schon gespannt.
Unabhängig davon, hat es erneut riesig viel Spaß gemacht die Tage in der wohl schönsten Festival-Location Deutschlands zu feiern. Vielen Dank und wir sehen uns 2026!

Galerien (by Michael Gerlinger bs! 2025):

Links
https://taubertal-festival.de/

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