Review: Rockharz Open Air 2015 – von der wahren Größe (08.-11.07.2015, Ballenstedt)

Foto: Torsten Volkmer bs!

Als Himmel und Hölle um die Erde stritten, ward dem Teufel eine Nacht anberaumt, eine Mauer zu bauen, die Welt zu teilen. Ein Irrtum, ein Stolpern, ein Hahn und der Gehörnte zerschlug in großer Wut, was er im Harz geschaffen. 2015 gelang ihm, was ihm vor Äonen verweht blieb, die Teufelsmauer 2.0. Nicht Kiesel und Gestein, sondern motorisierte Kutschen, Gespanne, Bullis türmen sich zu einer unumstößlichen Metal-Mauer auf.

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

MITTWOCH, 8. JULI 2015 – Höllenfahrt

Foto: Isabelle Hannemann bs!
Foto: Isabelle Hannemann bs!

Metalfans sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Durch nichts. Zwischen fünf und zehn Stunden gefangen in einer Lawine aus Belch und Stahl, Stunden ohne Informationen und – Gerüchten zufolge teilweise ohne – Bier schieben sie sich – nach längerer und kürzerer Anreise – unerschrocken über Ballenstedt, Hoym und Co. auf’s Camping- und Konzertgelände. Einen Metalfan haut nichts aus den Nieten. Ein Metalfan genießt die virtuelle Hate-Welle, nimmt’s mit Humor, dass eher die Nieten am Wams rosten, als dass ein Statement vom Veranstalter die Teufelsmauer erreichen und die Leute erweichen würde. Ein Metalfan einverleibt sich „pulled pork im Brötchen“ oder einen „Vegetarix-Bürger“– 😉 – schnuppert noch mal an den Crêpe mit Kinderschokolade vorbei, denn „teufelnochmal Crêpe gehen immer“, „ist schließlich Festival.“ 😛 .

Ektomorf. Mehr hat der durchschnittliche Metalfan am Mittwoch auch nicht gesehen, ist aber nicht nachtragend, denn Ektomorf – super und launig – regen sogar ein Geburtstagsständchen für einen Fan im Publikum an. Ob der Fan aber fiktiv oder noch mit dem Zeltaufbau beschäftigt war… man weiß es nicht, man munkelt nur. Schade für Fans von Serious Black, Elvenking, We Butter The Bread With Butter, Suidakra und Stahlmann.

DONNERSTAG, 09. JULI 2015 – „Welcome to the Pit“

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

Neuer Tag neues Glück. Wie könnte man ihn besser beginnen als mit 101%igem Sexmetal aus Celle. „No rules, no limits but one hell of a punch.“ Fuck yeah. Drone brechen sofort durch den eisigen Wind, ein Tagesopener, der heiß auf mehr macht. Live können sie, genauso wie Alestorm, die schottischen Power-Metal-Piraten aus Perth, die nicht nur namentlich perfekt den stürmischen Donnerstag entern, sondern das Publikum auf einem Strudel aus Folk, Trash-Metal und Selbstironie in den Abend tragen. Metalfans sind ja eher gemütlich, aber „bei den Jungs kann man immer super feiern.“ Ahoi.

Als absolute Highlights des Abends gelten Behemoth und Hammerfall. Behemoth, diese Tiere, diese Ungeheuer. Missraten schön. Eine durch und durch gestylte Show. Wie immer bizarr geben sich die Death Metal Bestien. Allein, der Sound lässt – wie so oft an diesem Wochenende – auf der Dark Stage etwas zu wünschen übrig. Metalfans sind ja kritisch. Ora Pro Nobis Lucifer. Ob hier dann doch der beleidigte Teufel seine Griffel im Spiel hatte? Dröhnen und Aussetzer der Technik jedenfalls sind mal so gar nix für die kleinen zarten Öhrchen.

FREITAG, 10. JULI 2015 – the Moments and the Women.

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

Mit The Gentle Storm, dem neuen Projekt der Niederländerin Anneke van Giersbergen, der süßen Stimme von The Gathering, und dem bühnenscheuen Riesen Arjen A. Lucassen reißt der Himmel auf. Gänsehaut bricht sich im Sonnenschein. „From this moment on, we’ll not be the same.“ Nicht weniger fantastisch und stimmgewaltig übernehmen Delain. Dass Anneke van Giersbergen und Charlotte Wessels nicht nur zusammen touren, sondern auch gemeinsam auf der Bühne stehen, gehört wohl zu den besonderen Momenten des Rockharz 2015. Auch Elin Larsson und die Blues Pills sind – nicht nur wegen ihrer wahnsinns GitaristInnen – eine besonderes, ein buntes Bonmot. Mit ihrer Mischung aus Blues-Rock und Stoner-Soul fallen Blues Pills auf und gewiss auch etwas aus dem von Coppelius, Schandmaul und Tanzwut dominierten Linup heraus. 70s-Bühnenbild. Orange Topteil. Alles ist stimmig und irgendwie einen Hauch Stoner-Rock. Metalfans sind ja offen.

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

Neben Eisbrecher, für die es Rosen regnet, die sie unterkühlt versprechen sich – welch Wortwitz – Backstage anal einzuverleiben, sind W.A.S.P. wohl das heimliche Highlight des Abends. Betonung auf light und kreidebleich. Spielen Eisbrecher mit einer militaristisch strengen Ästhetik, Coppelius mit Steam-Punk-Elementen, heben W.A.S.P. auf national angehauchte Symbole ab. Welcome to the official W.A.S.P. Nation. Hoffen wir das Akronym steht für We Are Sexual Perverts, denn pervers sind wir wohl alle, die Frage ist nur inwiefern. Metalfans natürlich nicht. W.A.S.P. – das hatte sicherlich niemand auf dem Zettel – sind dabei auf jeden Fall was für’s Auge. Atemberaubend hässlich, mit schwarz-weißen Fratzen, einer Licht- und Pyroshow mit großartigen Feuerkanonen kitzeln sie Zapfen und Stäbchen. Knaller. Der Metalfan implodiert vor Erregung.

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

SAMSTAG, 11. JULI 2015 – Hell Yeah.

Foto: Isabelle Hannemann bs!
Foto: Isabelle Hannemann bs!

Etwas Asenblut zum Aufwachen, etwas Waldgeflüster zum Frühstück und endlich Cripper, aus Hannover. Die Trash-Metal Band um Britta Görtz ist fantastisch gut gelaunt. Diese Frontfrau hat richtig Eier, Cripper haben richtig Energie und vielleicht liegt es ja daran, dass sie mit ihrem Gig heut nur einen feiern, den kleinen Erdenbürger, den Bassist Gerrit Mohrmann – heute wegen Vaterwerdens abwesend – mit zur Welt bringt. Jubel geht durchs komplette Infield. Es ist wieder so ein Moment. Metalfans sind wirklich kinderlieb. Die Sonne brennt, Cripper rocken, der Rockharz-Teufel hat Pause.

Man könnte meinen, es sei zu hell für HELL. Doch es ist einfach nur heiß. Eine Show, abartig schön, Trash à la Rob Zombie. David Bower, ein Jesusfreak vom Herrn, mit roten Kontaktlinsen und Dornenkrone, geißelt sich mit einer roten neunschwänzigen Katze, krümmt sich über der Metal-Gemeinde, blutig, artifiziell, HELL. Ein Fest für die Augen.

Hell (Foto: Isabelle Hannemann bs!)
Hell (Foto: Isabelle Hannemann bs!)
Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

Schön – im klassicheren Sinne – kommen ELUVEITIE daher. Die Pagan-Metal-Band, die 2014 als erste Metal-Band überhaupt den Swiss Music Award als bester Live-Act gewann, kommt folkloristisch, frisch und dynamisch daher, bietet den Fans eine gute Mischung aus neuem und altem Liedgut und läßt natürlich auch den Song Inis Mona – das ELUVEITIE-Lied schlechthin – nicht aus.

„Escalate the sense

Enhancing to join the dawn“

Während die Hitze den Tag ansengt, machen Artillerie ordentlich Trommelfeuer – was sonst – für Die Apokalyptischen Reiter. Wunderschöne Menschen in geschmackvollen Zwirn gekleidet, strahlen sie aus, wovon ihre Songs erzählen: Leidenschaft. Tiefe. Wahnsinnlich schön.

„Die Welt ist tief tiefer als gedacht. Aus der Tiefe bin ich wieder erwacht. Aus der Tiefe steigt die Lust..“

Cradle of Filth wiegen sich im Dunkel. Die Hitze des Tages wird von Dani Filths Gesang zerschnitten, der sich mit spitzen Lichtkegeln duelliert. Vampyric Metal nennen sie es und zelebrieren im düsterromantischen Thrash-Schick ihr Image aus Wahnsinn und Dunkelheit. Das Auge hört mit. Metalfans lieben Details.

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

Dream Theater hingegen machen mächtig viel Wind um Nichts. Hier steckt tatsächlich der Teufel im Detail oder auch mächtig viel Skandalpotential in ein bisschen Sprudelwasser. Mag sein, dass der Veranstalter seit Schandmaul nicht regiert und das monierte kohlensäurehaltige Wasser – Gesang und Gase vertragen sich nun mal nicht – durch Agua con gas ersetzt hat, doch von einer Band, die dreißig Jahre im Geschäft und als Headliner der Rock Stage angekünfigt ist, könnte man vielleicht erwarten etwas mehr Professionalität an den Tag zu legen, über den Dingen zu stehen und das ein oder andere Eruktieren oder Flatulieren mit Humor zu nehmen. Wenn man Musik nicht mit Leidenschaft und für die, die sie lieben, macht, wenn man seine besch….e Laune an Fotografen und Fans auslässt, ist man nicht „die größte Progressive Metal Band der Welt“. Größe bemisst sich anders.

Oder sollte es sich doch um undurchschaubar geniale Animationsversuche James LaBries gegenüber dem Publikum gehandelt haben, die auf eine perfide Art und Weise die grandiose Kunstfertigkeit von Dream Theater unterstreichen? Man weiß es nicht, lässt den angeschossenen Derwisch gewähren und nimmt wie so vieles auf diesem Höllenritt mit Humor.

Foto: Torsten Volkmer bs!
Foto: Torsten Volkmer bs!

Fazit.

Foto: Isabelle Hannemann bs!
Foto: Isabelle Hannemann bs!

Das Rockharz gilt unter Fans als ein kleineres, ‚familiäreres’ WACKEN. Zum vierten Mal in Folge mit 13.000 BesucherInnen ausverkauf ist es (noch) erschwinglicher, intimer, hat weniger ‚Festivaltouristen’ und mehr echte Fans, präsentiert ein kleineres LineUp und darf sich für die entspanntesten Sicherheitskräfte ever rühmen. Erschwinglich bleiben ohne billig zu wirken, ist ein eine Herausforderung, der sich die OrganisatorInnen wohl stellen müssen. Es geht dabei nicht nur um das – auch für BesucherInnen viel zu teure – Sprudelwasser und überlaufende Pinkelpilze, sondern um rechtzeitige, verlässliche und moderierte Informationen in den sozialen Medien, ein deutlich überarbeitetes Anreisekonzept, um Qualitätsstandards die alle schützen und unterstützen, die aus Leidenschaft für Livemusik daran mitarbeiten u.v.m. Metalfans sind ja entspannt, aber teufelnochmal, bestimmt nicht anspruchslos! Größe bemisst sich eben nicht in Zahlen.

Danke auch an unsere Mitarbeiter Melanie Schupp und Nora Thies für ihre Eindrücke von Mittwoch und Donnerstag.