Hell (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Ganz ehrlich? Ich hätte statt Metal genausogut Punk, Rock oder Reggae schreiben können, aber ich dachte, Metalfans regen sich bestimmt am schönsten über eine solche Behauptung auf. (Hier muss man schließlich auch an die Klickzahlen denken.) Weshalb ich das glaube? Weil ich selbst einer bin. Irgendwie. Metalfan-sein ist ja bekanntlich wie Alkoholiker-sein: man bleibt es ein Leben lang. Ich bin quasi trockener Metalfan. Gelegentlich schnuppere ich an den guten alten Sachen, aber mehr brauche ich davon nicht in meinem Leben. Aaaach, ja. Und sofort sehe ich die ersten Metalfans empört ihre Kutte zurechtzupfen, höre sie „Wimps and Posers, leave the Hall!“ krakeelen, bevor sie mir erklären, dass man kein True Metalfan sein kann, wenn man es nicht ein Leben lang hört und vor allem gegen KritikerInnen verteidigt. Mag sein. Und genau darum geht’s.

Airbourne (Foto: Torsten Volkmer bs! 2016)

Was will der Spacken von mir?! Erstmal: alle entspannen. Es geht mir weniger um Heavy Metal an sich, sondern um ein Gedankenspiel am Beispiel des Genres; wie sich Musikrichtungen entwickeln, verändern und schließlich stagnieren. Woraus sich schlussendlich die Frage ergibt, weshalb ich aktuelle Musik im Allgemeinen oft sterbenslangweilig finde.

The Cure (Foto: Andreas Budtke bs!)

Vorstellungsrunde: Ich bin Jahrgang 1974 und vom platten Land. „töhrlich“! Ab Mitte der 80’er habe ich Hard Rock und Heavy Metal für mich entdeckt. Los ging’s mit übelstem Hair Metal Poserkram und wurde dann kontinuierlich härter. Mein Freundeskreis bestand aus Leuten, die, wegen ihrer älteren Geschwister, Dark Wave, New Wave oder Punk gehört und meine Musik leidenschaftlich verabscheut haben. Mir war’s schnuppe. Ich habe ihre Musik ebenso gefeiert wie aktuelle Popmusik, die Hippie-Platten meines Vaters oder auch die Springsteenhörigkeit meiner Frau Mutter.

Für die jüngeren LeserInnen: Alles querbeet zu hören, unabhängig vom Genre, war in den 80’ern eher unüblich.

Stattdessen war man entweder Punk, Popper, New Romantic, Fraggle, Mosher oder sonstwas, lief dementsprechend gekleidet und (un)frisiert die Hauptstraße rauf und runter und was man mochte war ebenso wichtig wie das, wovon man sich abgrenzte. Rückblickend hätte ich zumindest äußerlich ein wenig konsequenter sein können. Phasenweise trug ich bunte Batikstoffhosen und Zwölflochmartens zu schwarzgefärbten, hochtoupierten Haaren, die Seiten wegrasiert, und dazu ein Skid Row T-Shirt. Ohne. Scheiß. (Nein, ich werde keine Beweisfotos liefern.)

Ende der 80’er tauchten dann mit einem Mal Bands auf, denen Genregrenzen genauso wurscht waren wie mir, allen voran die zu Unrecht vergessenen Mordred (Bay Area-Metal mit Scratcher und funkigen Einflüssen) oder Faith No More. Für eine Weile gab es ständig ungewöhnliche, neue Musik zu entdecken, die späteren Grungehelden veröffentlichten ihre ersten Alben, Hardcore wurde grooviger und mit Rap kombiniert und Metalmagazine berichteten über die entsprechenden Bands. Alles schien möglich.

Limp Bizkit Live
Limp Bizkit (Foto: Torsten Volkmer)

Wie’s weiterging ist bekannt. Mitte der 90’er war Alternative zum Mainstream geworden, Rock Bands, die Hip Hop-Elemente verwendeten, waren die neuen Oberposer (Fred Durst scheiße finden wird übrigens nie zum Klischee werden) und was beim Grunge noch authentisch emotional rüberkam, war auf einmal kitschiger Einheitsbrei zum in den Sonnenuntergang kotzen. („With aaaaaarms wide open!“) Irgendwann fand ich harte Musik nicht mehr aufregend und gerade Heavy Metal schien sich zurück in die 80’er zu entwickeln.

Und genau das ist der Knackpunkt.

Kommen wir deshalb zum eingangs erwähnten Gedankenspiel. Begreifen wir Heavy Metal für einen Moment nicht bloß als musikalisches Genre sondern als Idee: die Idee Heavy Metal; eine Ansammlung stilprägender Möglichkeiten, was Gitarrenriffs, Sounds, Rhythmen oder Gesangsstile angeht, breit gefächert, ja, aber doch so klar definitiert, dass man bemerkt, wenn die eigentliche Idee nicht mehr vorhanden ist. Und … och, warum machen wir an dieser Stelle nicht eine Traumreise, hm? Für irgendwas muss die blöde Erzieherausbildung ja noch mal was taugen.

Black Sabbath: Black Sabbath (1970)

Stellen wir uns einen leeren Raum vor. Pechschwarz. Darin ein blutroter Punkt: Black Sabbaths Debütalbum, das wir als Anfang der Idee Heavy Metal betrachten. (Fun Fact am Rande: Das Album ist übrigens original an einem Freitag den 13. im Februar 1970 erschienen.) Von diesem Punkt aus verbreitet sich die Idee, indem sie von anderen Musikern interpretiert wird, erste Verästelungen bahnen sich vom Ausgangspunkt ihren Weg durch die Dunkelheit, eine Art Wurzelwerk entsteht, es bilden sich Knotenpunkte, genreprägende Bands und Alben, aus denen sich weitere Ableger ergeben, wobei die Idee einerseits härter und komplexer, gleichzeitig aber auch softer und simpler wird, mitunter andere Genres einbezieht und sich kontinuierlich verändert, bis sie schließlich keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr bietet, ohne dabei ihre Identität zu verlieren. Bis die Idee Heavy Metal zuende gedacht ist. Und ich behaupte mal, das war spätestens 1997 der Fall.

Anthrax: For All Kings (2016)

Seitdem dreht sich die Idee Heavy Metal in den äußeren Verästelungen ihres Wurzelwerks um sich selbst oder greift weiter in ihre Vergangenheit zurück. Es gibt neue Bands, die neue Kombinationen von vertrauten Riffs und Rhythmen aneinanderreihen, ja, und: „Hör dir mal die Through The Ashes of Empires von Machine Head an, ey! Oder kennste Mastodon? Und die letzte Anthrax war auch schweinegeil, Alter!“, mag sein, quatsch mich nicht voll, denn es handelt sich nichtsdestotrotz um Variationen einer ausgereizten Idee.

Ist das schlimm? Nö. Kann man zu allem gerne headbangen bis der Arzt kommt, denn Muskelkater im Genick, ist des Moshers größtes Glück, mir doch egal, aber anerkennen muss man es schon. Und ich finde den Gedanken faszinierend, dass wir uns derzeit an einem Punkt befinden, an dem die meisten musikalischen Genres, in diesem Sinne verstanden, zuende gedacht sind. Metal? Punk? Rock? Reggae? Blues? Ska? Dark Wave? Schlager? Sonstwas?! Alle diese Genres haben sich, als Idee betrachtet, ähnlich entwickelt und inzwischen an sich selbst erschöpft.

Gäääähn.

Foto: Torsten Volkmer bs!

Natürlich erscheinen immer noch tolle Songs oder Alben, SängerInnen haben großartige Stimmen oder sind interessante Persönlichkeiten, aber wirklich aufregend, weil eine Idee weitergedacht wird, finde ich kaum noch etwas, völlig egal, um welches Genre es sich handelt. Während sich die Generation meiner Eltern darüber aufgeregt hat, dass alles schneller, härter, lauter, komplexer oder … ach, so komisch anders ist, rege ich mich darüber auf, dass mich fast alles an etwas erinnert, das ich schon vor zig Jahren in einer interessanteren Variante gehört habe. Genau das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb ich tatsächlich kein True Metalfan bin. Es reicht mir nicht, wenn mich etwas bloß an Früher erinnert oder fast so geil ist wie damals. Heavy Metal war ein wichtiger Schritt auf dem Weg, schönen Dank, Lars, aber ich finde neue Veröffentlichungen des Genres beim besten Willen nicht mehr aufregend. Denn das Aufregende daran war ja eben, dass man einer Idee beim Enstehen und Sich-Weiterentwickeln zuschauen oder zuhören konnte. Und das ist eben vorbei. (Zieht-versnobbt-die-Nase-hoch)

Hell (Foto: Isabelle Hannemann bs!)

Wenn ich heute neue und aufregende Musik finde, passiert das fast nur noch im elektronischen oder experimentellen Bereich. (Stichwort: Glitch Hop? Future Funk?) Oder wenn ich alte Songs und Musiker entdecke und dadurch begreife, wie sie zu ihrer Zeit eine Idee weitergedacht haben. (Ja, ich stehe momentan total auf Jazz. Siehe vorletzte Klammerbemerkung.) Ach, und Kanye West ist natürlich der Größte. (No sarcasm here.)

Aber grundsätzlich bleibt das seltsam mulmige Gefühl: Alles schmort im eigenen Saft und wir sind dem Ende musikalischer Ideen verdammt nah. Und ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Hm. Es gibt hier übrigens keinen positiv in die Zukunft schauenden Abschluss, fällt mir gerade auf.

Deshalb erstmal schön Pantera auf volle Pulle anmachen und sich daran erinnern, wie sehr musikalische Ideen mal gepusht werden konnten, und wie geil sich das damals angefühlt hat. Fucking Hostile!, du Poserschwein.

 

Videos:
Mordred – Esse Quam Videri
Culprate – Deliverance
Kanye West – Monster
Jim Hall (w/ Paul Desmond & Chet Baker) – Concierto
Life of Agnoy – Through And Through
Manowar – Metal Warriors

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Mirco Buchwitz
Buchwitz – ja der heißt wirklich so und hat sich bis heute kein lustiges Pseudonym gegeben – hat mal einer Prinzessin die Arschbacken zusammengekniffen und dann war was mit Carolin Kebekus. Soll übel gewesen sein. Dabei schreibt der in erster Linie aus Verzweiflung und ist voll anstrengend mit all diesem reflektierten Zeug. Syntax im Jahrtausend von Autokorrektur. Geht’s noch? Angeblich hat der sogar Hausverbot in einigen veganen Hotspots der first world, weil für sein Gemüsical, ein Hörstück ohne Konservierungsstoffe, echte Karotten gestorben worden sind. Seine Karriere als Kritiker ist also ganz im Sinne seiner Bewährungsauflagen und wir befürchten, der kann die Texte auch selber vorlesen. Scheiß Spießer.