Chris Cornell (Foto: Jeff Lipsky)

Chris Cornell starb in der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 2017 im Alter von 52 in Detroit, nachdem er mit Soundgarden im Fox Theatre ein Konzert gab. Wie so oft variierte er die Lyrics eines Songs… diesmal mit Led Zeppelin’s „In My Time of Dying“:

In my time of dying,
Iwant nobody to mourn“

Die Geier kreisen. Die Nachricht, sie verbreitet sich über sämtliche Kanäle und die Hoffnung auf eine Zeitungsente vermischt sich mit den schlimmsten Befürchtungen. Es kann, es darf nicht sein, schließlich finden sich weder auf der offiziellen Seite der Band, noch bei den nahestehenden WeggefährtInnen wie Eddie Vedder oder Tom Morello bis dato Statements zu Cornells Ableben. Alle Bezüge verweisen auf eine Quelle und würde man derartigem immer sofort Glauben schenken, so wäre selbst die Queen bereits mehrfach gestorben.

Am späten Vormittag (MEZ) die traurige Gewissheit. Ein Statement von Brian Bumbery, Cornells Agenten, findet auch in den seriösen Medien statt, bezeichnet Cornells Tod „plötzlich und unerwartet“ und bittet um Verständnis und Ruhe für die Angehörigen.

„His wife Vicky and family were shocked to learn of his sudden and unexpected passing, and they will be working closely with the medical examiner to determine the cause,“ the statement read. „They would like to thank his fans for their continuous love and loyalty and ask that their privacy be respected at this time.“1
(Brian Bumbery)

Die Stille Hoffnung, Cornell könnte selbst dementieren, zumal Soundgarden gerade auf Tour (gewesen) sind – ein Satz, den man gar nicht zu Ende denken kann -, ist flankiert von den üblichen unsäglichen, wahlweise weinenden oder Schreie andeutenden Emoticons und R.I.P.-Kommentaren von Menschen, die morgen Tweets zu ihren Problemen mit Klettverschlüssen, über GNTM oder ihrer vertrackte Verdauung absetzen. Virtuelles Trauerhopping von Leuten, die sonst ESC Public Viewing zelebrieren, sich für nichts wirklich engagieren, Soundgarden nicht von Audioslave oder Pearl Jam unterscheiden können, sich aber wegen Black Hole Sun („… oder wie der eine Song hieß“) als AuskennerInnen präsentieren und ihre unsägliche Betroffenheit zelebrieren. Ich will kontinuierlich brechen.

Nichts wissen ist ja nicht schlimm,
aber nichts zu inszenieren wäre manchmal einfach angebrachter.

Finally back to Rock City. Chris Cornell – eine Stimme, die vier Oktaven umfing, Familienvater, Frauenschwarm, Restaurantbesitzer u.v.m. ist tot. Er ist wirklich tot. Und er ist nicht der letzte. Cornell die Frontsau von Audioslave,2 eine der Supergroups aus Mitgliedern von Rage Against The Machine und Soundgarden, hat sich stets weiterentwickelt, ist mit seinen Soloplatten immer Up to Date geblieben, selbst wenn diese gefloppt sind, war jedoch – wie Kurt Cobain – depressiv. Gegen Abend bestätigt sich auch das dunkelste aller Gerüchte.

„I’M THE SHAPE OF THE HOLE
INSIDE YOUR HEART.“

Wie die Gerichtsmedizin von Wayne County laut Associated Press bestätigt, beging der Musiker möglicherweise „Selbstmord durch Erhängen“. ErsthelferInnen hätten die Badezimmertür der Suite des Sängers im MGM Grand Hotel aufgebrochen und Cornell leblos, mit einer Schnur um den Hals, auf dem Badezimmerboden gefunden, so Detroits Polizeisprecher Michael Woodyden.3

I never wanted to write these words down for you
with the pages of phrases of all the things we’ll never do
So I blow out the candle

Ein dunkler Poet, der nach außen strahlt, kann nach innen verglühen. Die Trauer darüber wie viel Dunkelheit einen Moment beherrschen muss, in der selbst die Liebe der eigenen Kindern, der Familie, von FreundInnen und abertausenden Fans zu klein ist, um den Faden, an dem das Leben hängt, nicht reißen zu lassen, muss so unaushaltbar sein. Eine Qual, die macht, dass die Nähe zu Geländern gefährlich anziehend wird, ist nicht in Worte und schon gar nicht in Emoticons zu fassen. Die Wahrheit ist, sie scheint uns egal zu sein. Die Gesellschaft hat keinen Platz für beschädigte Subjekte, sie macht es Menschen mit Depressionen unendlich schwer, der schwarzen Milch, in der sie ertrinken, einen Ausdruck zu verleihen.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Chris Cornell ist nicht der erste, den wir beweinen und doch ändert sich nichts. In Deutschland ist es v.a. für gesetzlich Versicherte unendlich schwer zeitnah überhaupt ein Gespräch mit einer/einem qualifizierten Psychologen/in zu führen. „Nur etwa jeder zehnte Patient mit einer Depression erhält eine ambulante Psychotherapie gemäß Richtlinie.“Nicht zu reden davon, was es den/die einzelne/n an Überwindung kostet, sich überhaupt an Fachpersonal zu wenden. Den meisten Menschen geht nicht einmal gegenüber engsten und offenen FreundInnen der Satz „es geht mir nicht gut“ über die Lippen. Wie sollte es. Männlichkeitsbilder, Leistungsdruck, Selbst-Optimierung sind manifest, da ist vielleicht ein Burn-Out drin, weil es das eigene Höchstmaß an Selbstausbeutung gesellschaftskonform attestiert, aber ein trauriger Clown, ein Eingeständnis von Schwäche, Tränen oder Wahrhaftigkeit? Lieber lügen wir uns zu tode.

She knows that love heals all wounds with time
Now it seems like too much love is never enough

Und selbst die Sehenden sind blind. Verstehen ist nicht Nachfühlen-können. Und es gäbe sicherlich kein Gebot der Nächstenliebe, wenn Menschen von sich aus den anderen über sich stellten. Die mediale Anteilnahme für KünstlerInnen wie Amy Winehouse, Chris Cornell, Prinz, Robin Williams oder Heath Ledger ist und war hohl und beklemmend, denn ihr folgt – wie immer – nichts. Die dunklen PoetInnen sind allein, sobald das Rampenlicht erlischt und die meisten Menschen haben nicht einmal das.

„Rund 9000 Suizide werden jedes Jahr in Deutschland verzeichnet, Depressionen gelten dabei in mindestens neun von zehn Fällen als Ursache.“ 5

I keep here in my head
Words never listen

Einige der kreativsten Menschen, mit denen ich arbeiten durfte,
leiden.
Allein.
Viele WissenschafterInnen, KünstlerInnen und Selbständige zweifeln,
weil sie von Ihrer Arbeit nicht leben können.
Jeden Tag.
Jede/r weiß, dass es so ist und niemand spricht darüber.
Sie selbst am wenigsten.
Ihren Instagram Profilen zufolge haben sie ein aufregendes Leben;
voller Abwechslung und Leichtigkeit.
Perfekte grelle virtuelle Fassaden machen es so leicht unsichtbar zu sein.
Und allein.
Viele von ihnen würden sich in jenen manischen Momenten, in denen sie Musik machen, schreiben, Kunst schaffen oder erleben, lehren oder forschen dürfen
als die reichsten unteren Zehntausend bezeichnen.
In den anderen hofft man, dass sie wenigstens anrufen,
bevor die Dunkelheit gewinnt.
Das tun sie.
Manchmal.

„I love you, brother.
Thank you for your friendship and your humor and your intellect and your singular and unmatched talent.
It was a great honor to know you as a friend and as a band mate.
I am devastated and deeply saddened that you are gone dear friend but your unbridled rock power,
delicate haunting melodies and the memory of your smile are with us forever.
Your beautiful voice and beautiful self will always be in my heart.
God bless you and your family.“
(Tom Morello)

Chris Cornell ist in seiner Musik unsterblich geworden.
Ich wünschte, wir würden klüger und sähen mehr.

Es tut mir leid.

Links:
www.chriscornell.com
www.facebook.com/chriscornell

Anmerkungen:
1 Singer Chris Cornell hanged himself, medical examiner says CNN 05/18/2017 [Zugriff: 18.05.2017].
2 Soundgarden galten mit Nirvana, Alice in Chains und Pearl Jam zur Speerspitze der Grunge-Bewegung in den 90ern.
3 Lauded Rocker Chris Cornell killed himself by hanging. Associated Press 05/18/2017 [Zugriff: 18.05.2017].
Psychische NotlagenBrauche Therapie, warte Monate. Spiegel.de 28.07.2015 [Zugriff: 18.05.2017].
5 
Depressionen: Tödliche Traurigkeit, ZEIT.de 12.11.2009 [Zugriff: 18.05.2017].