Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Depeche Mode – eine der Bands, für die mensch mit süßen siebzehn, achtzehn, something die pubertäre Leibeigenschaft küchendienstlicher Spülhände in kauf nahm, um die Chancen darauf zu erhöhen, einen Autoschlüssel zu erkämpfen, um mit einer Horde ähnlich frohndienstlich versklavter FreundInnen mind. 40km durch die brandenburgische Nichtigkeit zu gurken, um in Oehna oder Rohrbeck1 c.a. 30 Minuten zu richtiger Musik tanzen zu können. 30 Minuten „5 Mark Stücke“ aufheben zu Sisters of Mercy, Type O Negative, Joy Division, „In your room“, „Everything counts und „Never let me down“. So nämlich! (The Cure wurden damals nicht gespielt, um „Das ganze schwarze Gelumpe“ – gemeint waren kleine blonde Mädchen mit reduzierter Pigmentierung und dicken Stahlkappen – wegzuhalten). Heute – 15-20 Jahre später – schaffen es Depeche Mode noch immer, diese Stahlkappen 2h durchtanzen zu lassen. Nötig sind sie allemal, sonst würde ’ne ungenannte Welche vermutlich abheben vor Glück.

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

HDI Arena, Niedersachsenstation. Mächtig prächtig. Das vergisst mensch hin und wieder. Early Entry für insgesamt 75.000 Fans.Jede/r weiß, dieser Tage sind die Sicherheitskontrollen enorm. Weder Schirme, noch Taschen sind erlaubt und doch ist das Publikum entspannt und gelassen. Nervt eh nur beim Tanzen das Zeug. Fakt ist: Du kannst bei diesem Massenveranstaltungen nicht nicht ans Bataclan, an Manchester oder London denken, hoffst nur, dass alles entspannt ist. Hannover war und ist entspannt.3 (Vielleicht zu entspannt, denn bezogen auf das Stimmungslevel respektive die Energie des Publikums ist die Stadt an der Leine – so unsere Premium-Quellen aus Leipzig und Köln – eher klinisch tot. Korrekt muss es heißen: Die norddeutsche Ekstase ist steigerungsfähig.

Aber Depeche Mode Fans sind sowieso im besten Sinne irre

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

… und nehmen in der Regel die halbe Tour mit, es fehlt uns also das empirisch-geografische Futter, um einen regionalen Sitzfetisch zu attestieren. Es wäre auch grundlegend am Thema vorbei hier Grenzen und Präferenzen zu suchen, denn wenn Depeche Mode eines deutlich machen auf dieser Tour, dann dass es um einen Global Spirit geht.

Depeche Mode sind politisch, ohne Hohlphrasen und Gemeinplätze mit einem Zeigefinger aus der Poperze der political correctness zu popeln und Menschen mit irgendeiner Matthias Max Bendzko Giesinger Stock-Footage-Laberbacken-Menschen-Leben-Tanzen-Welt-Weißwäsche einzulullen. Depeche Mode schaffen es auf poetisch-künstlerischem Wege, ohne große Ansagen ihre Musik sprechen zu lassen. Und ihre Hüften.

Algiers (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Global Spirit rammt den Feinden von Frieden, Demokratie, Kunst-, Presse- und Meinungsfreiheit einen fetten Mittelfinger in die Engstirnigkeit. Platte und Tour sind mehr als ein Marketing-Gag. Sie sind durchkomponiert, hochsymbolisch, rund ohne belehrend zu sein.

Hoch homoerotisch, grenzenlos sexy, frei.

Vielleicht ist gerade letzteres dem Publikum noch nicht bewusst als die Algiers die Bühne des Niedersachsenstadions ertanzen.

So, how dare you smile so sweet?
(We are all walking in the dark
With scissors in our hands)

(Algiers – Black Eunuch)

Algiers (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Dass diese und keine andere Band hier genau richtig am Platze ist, versteht mensch natürlich nicht, wenn Genre-Engstirnigkeit oder Fan-Fanatismus die Sinne verkleben. Die Algiers geben umkämpften Themen wie Gewalt, Rassismus, Widerstand und Religion Raum, fechten unbequeme Kämpfe in einer Poesie aus, die (er)trägt, was an dieser Stelle in einem gesellschaftstheoretischen Diskurs nachgereicht, die Zeichenzahl schnell übersäuern würde.

Lee Tesche, Franklin James Fisher, Ryan Mahan und Matt Tong machen das mit sehr experimentellem Gefrickel, gospeln sich den Post-Punk irgendwie sexy und tanzen exaltiert zwischen Sounds und Instrumenten. Passt. Wer mit einem Bogen eine verstärkte Gitarre spielt oder zwischen Bass und Keys changiert, müsste nicht mal was zu sagen haben und wäre irgendwie geil. Dass Algiers sich inhaltlich nicht hinter den Gitarrenkoffern verstecken müssen, ist, was sie vor dem kapitalen Fehler bewahrt der Gefallsucht anheimzufallen. Joe Strummer, Patti Smith, Nick Cave und Jim Morrison gefällt das. ♥

Algiers (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

You don’t know what real power is until you’re
on the wrong side of it.

Algiers sind sich für nichts zu schade, die bauen sogar selbst ab.

Depeche Mode. Unfassbar! Nah. Echt. Sie sind es wirklich. Die Boots machen ihren Job ganz gut, Stahl und Schwerkraft halten halbwegs am Boden. Ich habe eine Frau gesehen, die hat sich ihren Siebenjährigen umgeschnallt, um nicht abzuheben. Intro. Zwo, drei, vier, Atmen.

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

We all want to change the world
But when you talk about destruction
Don’t you know that you can count me out
(The Beatles)

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Natürlich lässt sich das Arschloch von Sexbombe Gahan richtig Zeit, bevor er Martin Gore, Andrew Fletcher und Christian Eigner auf die Bühne folgt und sich sein Jacket zu „Going Backwards“ vom Leib tanzt.

We are not there yet. Nie, wir sind noch nirgendwo, wir sind gerade mal am Anfang und schon sind Ladys wie Gentlemen rundherum feucht um die Augen.

Tränen.
Ekstase.
Glück.

We are not there yet
We have not evolved
We have no respect
We have lost control
We’re going backwards
Ignoring the realities
Going backwards
Are you counting all the casualties?

Das muss man sich mal reinziehen! Die „Kids“ heute haben sexistische YouTuber, achten auf Ihre Work-Life-Balance – was immer man da balancieren soll zwischen Snapchat und Chillen – und Probleme wie bärtige Hamsterbacken mit Cap statt Frisur (‚Es wird nie mehr sein, wie es war ..Au Revoir‘ Au Backe.) und andere „erotische“ Primi.5 Wir haben Dave! An den richtigen Stellen rasiert. Definiert. Knapp über siebzehn, der mit dem Mikroständer Sachen anstellt, für die die FSK noch nicht mal eine Bezeichnung hat.

Gott wäre ich heut gern Dein Ständer.

Tanzen ist ohnehin ein bisschen wie Sex in der Vertikalen. Oder war es andersherum? Egal. „In your room“. Die Zeit steht still.

I’m hanging on your words
living on your breath
feeling with your skin
Will I always be here

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Tatsächlich schaffen es Depeche Mode ein erotisches Ideal zu erzeugen, das sich nicht auf’s Körperliche reduzieren lässt. Alterslos. Lebendig, jenseits jeder heteronormativen Grenze, ein Chamäleon, das Ladys and Gentlemen anspricht. Wie anders als mit Respekt vor dem Anderen und einer gesunden Portion Selbstironie könnte man sich selbst zum Objekt vor/n Millionen machen, sich in eine Sexbombe Schrägstrich Rampensau verwandeln und dabei Texte intonieren, die Sexismus anprangern, queere Themen genauso transportieren wie Lust, Schmerz, Geilheit und das, was heut so’n bisschen aus der Mode gekommen zu sein scheint: Lieblichkeit, Sehnsucht und Liebe.

There is so much love in me.

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Tatsächlich sind – das weiß man mit knapp über 17 dann auch – die meisten Menschen nur noch halb so sexy hat man sie erst mal nackt gesehen oder reden gehört. Genau deswegen zeigt Gahan nur so viel, dass mensch erahnen kann, was nie zu haben sein wird.

Dominas machen nichts anderes und lassen ihre KlientInnen dieses Leiden an der Lust genießen. Und genau in diesem Moment platziert er ein bisschen Ideologiekritik und brandgefährliches Revolutionsrot in einem Hüftschwung. Atmen!

You’ll stumble in my footsteps
Keep the same appointments I kept
If you try walking in my shoes
If you try walking in my shoes
Try walking in my shoes

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Die Videowand brennt trans-queer in Regenbogenfarben und wir tanzen im Sommerregen in viel zu großen Schuhen. Aber es ist egal. Das erste Mal scheint der Juni heiß und feucht. Endlich – mit dem Hit-Block – schlägt das kollektiv feuchte Höschen auch bis ins Sitzfleisch der Fans auf den Rängen durch und lässt das Stadion tanzen.

Die Show sprüht voller (in)direkter Peace-Zeichen, ist gerahmt von The Beatles „Revolution“ und Bowies „Heroes“ und bohrt sich wie ein dicker Mittelfinger mitten in jede Ideologie, die die Freiheit der Kunst, Kultur und Meinungen zerstören will. Wo ist eigentlich die verkackte Revolution? Was ist los mit Euch? Warum tanzt Ihr nicht mehr und lasst reiche Pussys nach der Macht grappen, während die Welt intellektuell verhungert? Wir sind so satt.

You’ve been pissed on
For too long
Your rights abused
Your views refused
They manipulate and threaten
With terror as a weapon
Scare you till you’re stupefied
Wear you down until you’re on their side

Depeche Mode (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Depeche Mode stehen für einen Spirit, der Massen Tanzend, singend und lüstern hinterlässt. Das ist brandgefährlich, denn es könnte auch den Work-Life-Balance Hipstern irgendwann gefallen.

Global Spirit
global Goosebumps.

Mehr!

Galerien (by Torsten Volkmer bs! 2017):

Setlist Depeche Mode:

  1. Revolution (The Beatles song)
  2. Cover Me (remix) (instrumental video intro)
  3. Going Backwards*
  4. So Much Love*
  5. Barrel of a Gun (with a snippet of Grandmaster Flash’s „The Message“ )
  6. A Pain That I’m Used To (‚Jacques Lu Cont’s Remix‘ version)
  7. Corrupt
  8. In Your Room
  9. World in My Eyes
  10. Cover Me
  11. A Question of Lust (Acoustic, Martin Gore)
  12. Home (Martin Gore)
  13. Poison Heart
  14. Where’s the Revolution*
  15. Wrong
  16. Everything Counts
  17. Stripped
  18. Enjoy the Silence
  19. Never Let Me Down Again
    Encore:
  20. Somebody (Martin Gore)
  21. Walking in My Shoes
  22. „Heroes“ (David Bowie cover)
  23. I Feel You
  24. Personal Jesus

Setlist Algiers:

  1. Irony. Utility. Pretext
  2. Cleveland
  3. And When You Fall
  4. Old Girl The
  5. Underside of Power
  6. Claudette Death March

Anmerkungen:
* Songs vom neuen Album „Spirit“ [Review]
1 Um 2000 hießen Clubs noch Disco/Diskothek, die entsprechende Location in Rohrbeck ist inzwischen abgebrannt. Ende der 90er war mensch mit 18 auch noch in der Pubertät, heute heißt das ADHS. Die Spätadoleszenz wurde wohl bei so manchem/r (inklusive Schuhwerk) noch nicht abgelegt oder flammt ab und zu auf, wenn die Tonträger oder Tourpläne der HeldInnen es hergeben.
2 Die HDI Arena zählt allein am Sonntag, den 11.06.2017 43.000 Fans, insgesamt kommen Depeche Mode in Hannover auf 75.000 verkaufte Karten an beiden Konzerttagen. (Stand 11.06.2017, 22:00 Uhr.)
3 Es darf gesagt werden, dass dies nicht nur für die unzähligen Trauben vor den Eingängen zur Arena gilt. Auch und vor allem Kontrolleurinnen, Service- und Sicherheitskräfte – die etwaigen Sicherheitsrisiken stetig ausgesetzt sind – durchgehend freundlich und kompetent alles gegeben, um diesen Abend für alle zu einem unvergesslich positiven werden zu lassen.
Kein Applaus zur Verabschiedung des Supports? Hannover schäm dich!
5 Gelegentlich verwendet die Autorin Anführungszeichen, weil die gemeine LeserInnenschaft den herablassend-zynischen Vernichtungstonfall überlesen könnte. Sie ist sich dessen bewusst, dass das Abzüge in der Global-Spirit-B-Note gibt.

Links:
www.depechemode.com
www.algierstheband.com

Veranstalter:
Live Nation
Hannover Concerts (lokal)