Wear Your Wounds Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

…oder eine Einladung in emotionale Abgründe, düstere Klänge und dunkle Sphären. Und dieser Einladung ist eine sowohl vom Alter als auch vom Kleidungsstil bunt gemischte Menschenmenge gefolgt und drängt sich in den ausverkauften Bogen F.

Den Weg in diese Sphären weist Wear Your Wounds dem noch überschaubaren Publikum. Hinter diesem Projekt steht Jacob Bannon, Gründungsmitglied der amerikanischen Hardcore-Band Converge.

Wear Your Wounds (Foto: Michael Lamertz)

Wear Your Wounds – das steht für geballte männliche melancholisch-sentimental-experimentiell-dunkle Verzweiflung. Mit Hilfe von drei Gitarren, einem Bass, einem Schlagzeug und etwas elektronischem Schnickschnack beschwört das Quintett eine disharmonische, verstörende Klangwelt herauf. Diese Klangwelt brandet über den halb gefüllten Saal in Form einer melancholisch-aufwühlend-disharmonisch, teils in den Ohren schmerzende Woge hinweg.

Wear Your Wounds (Foto: Michael Lamertz)

Während der Sänger emotional in dieser traurig-verzweifelten Woge aufgeht, drängt sich immer wieder die Frage auf, ob der Beitrag der Stimme an den Disharmonien Absicht oder Versehen sind. Wie auch immer, nach einer guten halben Stunde ist es überstanden und nach einer schnellen Umbauphase ist es Zeit für Chelsea Wolfe und ihre Band.

 

Wear Your Wounds (Foto: Michael Lamertz)

Ohne grosse Worte betreten die vier Musiker Chelsea Wolfe, Ben Chisholm, Jess Gowrie und Bryan Tulao die Bühne und beginnen mit dem Opener des Abends «Carrion Flowers». Innerhalb kürzester Zeit baut sich auf der Bühne ein aus den tiefsten Abgründen der Seele entsprungener dunkler Orkan auf, ergreift das Meer der Düsternis, peitscht es zu immer größeren Wogen auf, um dann über den Saal in einer gigantischen düsteren Welle hinwegzubranden.

Chelsea Wolfe Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

WOW!

Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

So geht es an diesem Abend weiter. Immer wieder baut sich das musikalisch-emotionale Meer sanft, ruhig, umschmeichelnd auf, nur um im nächsten Moment zu einem Orkan anzuwachsen. Es türmt sich eine musikalische Monsterwelle. Mitreißend. Gigantisch. Aber auf dieser Welle reitet niemand, zu groß ist diese Welle, zu tief die Abgründe, zu erschreckend die Ungewissheit. Diese Welle verschlingt die ZuhörerInnen und lässt die Welt für kurze Zeit Kopf stehen.

Zurück bleibt ein dumpfes Gefühl der Verstörung und der Finsternis,
welches aber im nächsten Moment durch ein sanftes Plätschern,
ein zärtliches Hin-und Herwogen aufgelöst wird.

Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

Wer begleitend zu diesem unberechenbaren Meer der Finsternis eine spektakuläre Bühnenshow oder Ansagen zwischen den Songs erwartet hat, wird an diesem Abend enttäuscht. Chelsea Wolfe erscheint auf der Bühne als eine unnahbare Kunstfigur, umgeben von einer dunklen Aura. Nur kurz umspielt ein Lächeln ihren Mund als ihr Mikrofon den Dienst verweigert und ein Bandkollege das Problem behebt.

Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

Na wenigstens ein Funken Lebensfreude und Menschlichkeit. Aber darum geht es an dem Abend auch nicht. Im Mittelpunkt stehen gänzlich die Musik und die durch sie heraufbeschworenen Emotionen. In ihrer Musik hat Chelsea Wolfe letztendlich ein Ventil und eine Sprache gefunden, um ihre Emotionen, ihre Verzweiflung, das Unsagbare an der Grenze vom Bewussten zum Unbewussten, vom Wachsein zum Träumen in eine sehr persönliche musikalische Sprache zu fassen und für die ZuhörerInnen erleb- und erfahrbar zu machen.

Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

Galerien (by Michael Lamertz bs! 2017):

Insgesamt ein düsterer-melancholisch-verzweifelt-sanft-zerbrechlich- muskalischer Hochgenuss.

 

Wear Your Wounds (Foto: Michael Lamertz)

Setlist:

  1. Carrion Flowers
  2. Dragged Out
  3. We Hit A Wall
  4. After The Fall
  5. Simple Death
  6. Iron Moon
  7. Static Hum
  8. Pale On Pale
  9. Survive
Chelsea Wolfe (Foto: Michael Lamertz)

Links:
www.chelseawolfe.net
www.wearyourwounds.bandcamp.com

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Judith Sander
Es gibt Sucht-Charaktere, die entsagen und es gibt andere, die setzen sich ins Epizentrum ihres Verlangens. Nein, Judith ist keine Schweizer Taschenmesserwerferin, sie ist bekennend schokoladensüchtig und metzelt ohne zu zucken für ‘ne Toblerone oder Eiscreme oder Tobleroneeiscreme oder.. na jedenfalls: Die Frau ist echt Zucker, echt hart drauf, hat ein feines Näschen, legt sich für die richtigen Dinge ins Zeug, in die Kurve und nascht am allerliebsten an kleinen, unbekannten Bands in ruhiger Atmosphäre. Wer die olle Genießerin dennoch ans Messer liefern will, sperrt sie – in einen rosa Rüschen-Alptraum gehüllt – mit stinkenden Dränglern ins Musikantenstadl und nimmt ihr das letzte Milkyway weg.