Amphi Festival Köln (Foto: Isabelle Hannemann)

Ende Juli ist für Viele ein Highlight des Jahres. Denn dann ist Amphi Zeit. Und da geht man hin. Menschen reisen aus Schweden, Großbritannien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden oder einfach aus der Nachbarschaft an. Und das jedes Jahr.

Denn das Amphi ist ein Festival der WiederholungstäterInnen. Sowohl vom Publikum als auch von den Bands.

Da murmele ich mir fast beschämt in mein Bier, dass ich tatsächlich eine Ersttäterin zwischen all diesen WiederholungstäterInnen bin. Aber zumindest schon mal auf dem M´Era Luna und dem WGT gewesen bin Mehrfach. Immerhin. Auch wenn das schon über zehn Jahre her ist.

Freude an Musik

Amphi Festival (Foto: Isabelle Hannemann)

Und wie ist es nach einer so langen Festival- und Szenen Abstinenz? Neugierig schaue ich mich um. Um mich herum ein sehr gemischtes Publikum, quer durch alle Altersklassen verteilt sich eine entspannte Menschenmenge auf dem Gelände am Rhein. Und quer durch alle schwarzen Richtungen: der Romatik-Gothic mit Rüschen, Korsagen und verspielten Details wird von dem Cyber Gothic auf Plateau Stiefeln überragt, der blau, grün, rot oder golden glitzert. Klar und schnörkellos kommt die EBM-Military-Look-Fraktion daher, zwischendrin klingelt ein Mittelalter-Glöckchen vorbei und dazwischen jede Menge Menschen wie du und ich: einfach in schwarzer Kleidung und mit Freude an der Musik.

Und eindeutig mit mehr grauen Schläfen als noch vor zehn Jahren. Und weniger Haaren. Die Szene altert. Aber ist nach wie vor entspannt, friedlich, familiär, offen und tolerant ihren Mitmenschen gegenüber. Und genießt es, ein Wochenende mit Gleichgesinnten und ihrer bevorzugten Musik zu verbringen.

Und was sagen die Zahlen und Fakten? Für das diesjährige 13. schwarze Treffen am Kölner Tanzbrunnen geben sich 42 Bands die Ehre, 12.500 Besucher und dazu sommerlich heiße Temperaturen, garniert mit einigen, zum Glück wenigen, dafür aber heftigen Wärmegewittern. Das Line up ist bunt gemischt mit einem Hang zum Elektronischen.

Und die Bands?

Neben Szene Institutionen wie Fields of the Nephilim, VNV Nation oder Kirlian Camera bekommen auch unbekanntere Bands die Chance auf einen Auftritt. So sind dieses Jahr etwa ein Drittel der Bands zum ersten Mal auf dem Amphi. Beispielsweise Legend, die episch melancholischen Elektronikrock aus Island zu uns bringen oder Esben and the Witch, die aufstrebende Witch House Band aus Brighton. Für Akzente und Neuentdeckungen ist gesorgt. Wenn auch in Maßen.

Legend (Foto: Silke Jochum)
Lord Of The Lost (Foto: Torsten Volkmer bs! 2017)

Verteilt auf drei Bühnen mit leicht unterschiedlichen Akzenten ist für jeden etwas dabei: die Theaterstage mit begrenztem Fassungsvermögen, dafür aber überdacht, beherbergt überwiegend die elektronische Musikrichtung: Fabrik C zum Beispiel. Thorsten Berger springt mit den Worten über die Bühne: „jetzt gibt’s erstmal richtig eins auf‘s Maul“. Gesagt getan: los geht es mit dem Elektrogewitter. Wer es mag. Dann doch lieber zurück zur Hauptbühne. Dort hat das Mittelalter Einzug gehalten: Tanzwut geben ihre gewohnt facettenreiche Show zum Besten, untermalt mit jeder Menge Sackpfeifen und mittelalterlichen Accessoires.

Nach all dem Mittelalter wird es mit Lord of the Lost deutlich düsterer, rockiger und härter. Die Band hat ein treues Publikum und darf immerhin schon am späten Nachmittag die Hauptbühne berocken und das Feld für Diary of Dreams ebnen.

Diary Of Dreams (Foto: Torsten Volkmer 2016 bs!)

Zeit, die dritte Bühne zu begutachten: Die Orbit Stage. Der Weg hierhin ist etwas länger, da die MS Rheinenergie wegen Niedrigwasser etwas weiter entfernt vom Festivalgelände ankert. Aber mit den roten Doppeldecker-Sightseeing Bussen ist die Entfernung schnell überbrückt und alles ist bereit, um in eine andere Welt und in eine andere Zeitrechnung einzutauchen. Auf der MS Rheinenergie gehen die Uhren langsamer. Das schwarze Publikum räkelt sich entspannt an Deck in der Sonne. In der Sonne? Jawohl! Die zarte, vornehme Blässe gehört vergangenen Generationen an. 2017 darf sich mit Bier in der Sonne geräkelt werden.

Esben And The Witch (Foto: Andreas Budtke bs! 2017)

Und auf der MS Rheinenergie sogar mit richtigen Gläser und Bierflaschen. Oder es kann entspannt unter Deck in klimatisierter Atmosphäre an musikalischen Leckerbissen geknabbert werden. An Esben and the Witch zum Beispiel, die einen neuen vielversprechenden Song im Gepäck haben. Daraufhin folgt Diorama. Rein theoretisch zumindest. Der technische Fehlerteufel verzögert den Spielbeginn, dafür begeistert die Band letztendlich dann doch einmal mehr.

Diorama bringen das Publikum in gewohnter Manier zum Kochen und haben als Überraschung Helge Wiegand für zwei Songs mit auf die Bühne gebracht. Auf der Hauptbühne hingegen tobt als Hauptact für den Samstag Ronan Harris quer über die Bühne und lässt auch die hinterste Reihe mitzappeln. Bewährt, gewohnt, gut. VNV Nation halt. Und ein klassisch-gelungener Abschluss für den ersten Festival Tag.

Amphi Festival (Foto: Isabelle Hannemann)

Der Sonntag bricht herein. Es ist etwas bewölkter und kühler und sorgt für allgemeine Erleichterung: keine Sonnenbrandgefahr, das Make up bleibt, wo es sein soll, unter all den schwarze Schichten wird es nicht zu warm: Perfekt! Im Vergleich zu gestern haben auch gleich mehr Menschen ihren Weg zum Tanzbrunnen gefunden. Und lassen sich auf der Hauptbühne von Stahlmann ordentlich einheizen. Die Menge tobt, springt, feiert. Und schwitzt dann letztendlich doch. Zeit zum Atem holen bleibt nicht. Mit Das Ich geht es deftig weiter. Stefan Ackermann und Bruno Kramm bringen das Teuflisch-derbe auf die Bühne und bedienen mit ihrer Show gewohnt jedes Klischee. Und auch Hocico bleiben dem eingeschlagenen Stil treu. Halt nur mit mexikanischem Touch. Abgelöst werden sie von Combichrist, die norwegische Interpretation des Genres. Es kracht und kocht vor der Hauptbühne.

Combichrist (Foto: Torsten Volkmer 2016 bs!)

Zeit für eine Visite auf der MS Rheinenergie: Dort ist das Industrial-Stroboskop-Gewitter in Form des Duos Winterkälte bereits im vollen Gang. Ohne Gesang, tranceartig betäubend und brachial hart brechen die komplexen Tongebilde über das Publikum herein. Ruhiger geht es mit Legend aus Island weiter. Mystisch, melancholisch, mit der für Island typischen Schwere kommt die Band daher und ist selber immer wieder etwas verwundert auf einem „fucking boat“ zu spielen. Sollte für einen Inselbewohner nun nicht so ungewöhnlich sein. Aber nun gut.

Eisbrecher (Foto: Kristin Hofmann)

Abgelöst werden sie von einem Urgestein der schwarzen Szene: Kirlian Camera. Diese bieten insgesamt eine ruhige Vorstellung, es passiert wenig. Sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Dann lieber noch auf einen Sprung zur Hauptbühne und Eisbrecher. Hier ist alles wie immer: die neue deutsche Härte kracht in Begleitung der gewohnten Alex-Posing-Marnier über die Menge hinein. Ein rockig-harter Abschluss.

Und wie ist das Resümee?

Hat sich die schwarze Szene verändert?

Nö. Sie ist nach wie vor vertraut, entspannt, friedlich und familiär. Aber leicht angegraut mittlerweile. Der Nachwuchs gibt sich zögerlich.

Gibt es neue Kleidungs- und oder Musikrichtungen?

Nö. Alles wie gewohnt. Ein ruhender Fels in der Brandung.

Und das Amphi Festival?

Ein familiär entspanntes Festival der WiederholungstäterInnen vor wundervoller Rheinkulisse mit dem speziellen Touch eines Stadtfestivals. Ein Festival zum Durchatmen, Abtauchen und Genießen von schwarzen Bandgrößen, aber auch Newcomern. Und das alles ohne große Überraschungen. Ein Festival, zu dem mensch wegen der Musik kommt und nur wenige ihr Outfit zur Schau tragen. Aber genau das macht den speziellen Amphi-Flair wohl auch aus und lässt die Menschen jährlich wiederkommen.

Ein Festival, das ErsttäterInnen zu WiederholungstäterInnen werden lässt.

Links:
www.amphi-festival.de