Linkin Park: One More Light (2017) Book Cover Linkin Park: One More Light (2017)
EDM
Warner
19.05.2017
www.linkinpark.com

Tracklist:

  1. Nobody Can Save Me
  2. Good Goodbye
  3. Talking To Myself
  4. Battle Symphony
  5. Invisible
  6. Heavy
  7. Sorry For Now
  8. Halfway Right
  9. One More Light
  10. Sharp Edges

Ich habe mir “One More Light” unzählige Male angehört (bei etwas mehr als 35 Minuten Spielzeit ist das auch nicht schwer…), aber mir eine Meinung darüber zu bilden, war wirklich nicht einfach. Ich müsste über die Scheibe einen Totalverriss schreiben, wenn ich ein Linkin Park Fan wäre, der nur im Debüt „Hybrid Theory“ und im Zweitwerk „Meteora“ das Nonplusultra der Band sieht. Aber ich bin ein Fan, der mit jedem Album der Band etwas anfangen und auch abgewinnen kann. (Geheimtipp: das Remix Album „Recharged“. Wer auf fette Electronic Beats steht, sollte die CD echt mal anchecken!). „One More Light“ dagegen wandelt stark auf der Grenzlinie zwischen „Gefällt nicht“ und „Gerade noch die Kurve gekriegt“.

Für viele wird es ein Schock sein, dass ...

die musikalische Ausrichtung, die bei „The Hunting Party“ (wieder) eingeschlagen, hier wieder abgelegt wurde und es nun komplett in eine andere Richtung geht. Hier gibt es keine fetten Gitarrenriffs, keine Garagensounds und keine fetzigen Mitbrüll-Rockohrwürmer. Stattdessen dominiert hier poppiger EDM-Sound (Electronic Dance Musik). Oder anders ausgedrückt:

Chartsmucke. Und die muss erst mal verdaut werden…

Wer sich (generell) mit dieser Musikrichtung anfreunden kann, wird mit diesem Album weniger seine Probleme haben und einige gute Songs finden. Da wäre zum einen der starke Opener „Nobody Can Save Me“, gefolgt von den beiden Singles „Good Goodbye“ und dem mit einer starken Hookline ausgestatteten „Heavy“ (das aber an anderer Stelle Defizite aufweist, dazu aber gleich mehr). Nicht zu vergessen „Talking To Myself“ (dem einzigen Song, bei dem man denken könnte, dass Gitarrist Brad Delson an dem Album aktiv gewesen ist) und die beiden locker flockigen „Battle Symphony“ und „Invisible“.

Kommen wir mal auf die Kehrseite der Medaille zu sprechen: Die Gesangsleistung von Chester Bennington ist nicht immer „On Top“. In „Heavy“ singt er die ersten Zeilen ein wenig lustlos und im gesamten klingt er bei dem Track schwachbrüstig. Seine Gesangspartnerin Kiiara übertrumpft ihn in allen Belangen. Auch im Titeltrack klingt er nicht immer ganz rund. Mike Shinoda dagegen legt in „Sorry For Now“ eine tolle Performance ab, aber durch die elektronischen Spielereien nach dem Refrain wird der ganze Flow des Songs zerstört und nervt bei jedem weiteren Durchlauf. In diese Kategorie kann sich auch „Sharp Edges“ einfügen, denn durch seinen „Akustikgitarren-Meets-Claps“-Grundbeat, ruft es Erinnerungen an den nervtötenden „Stolen Dance“ von Milky Chance hervor. Furchtbar! Und dann hätten wir noch „Halfway Right“, dass so zuckersüß in den Ohren kleben bleibt, das es von einer britischen Boyband stammen könnte und nicht von Linkin Park.

Man muss Linkin Park dafür respektieren, dass sie das machen, worauf sie Lust haben. Deshalb sollte man „One More Light“ auch akzeptieren. Dennoch ist der Albumname genau die richtige Bezeichnung dafür, was dem Album noch fehlt: Ein weiteres Licht. Vielmehr ein weiterer Lichtblick, denn hier gibt es leider zu viel Schatten, sodass es - aufgrund der starken ersten Hälfte der Scheibe - „gerade noch die Kurve kriegt“. Wäre die nicht, würde ich weniger als drei Sterne vergeben. Für reine Chartshörer, ist dies eine tolle Sommerplatte, für Altfans eine Enttäuschung und für offene Linkin Park Fans ein Album, dass man sich „Schönhören“ muss.