Kettcar: Ich vs. Wir (2017) Book Cover Kettcar: Ich vs. Wir (2017)
Indie-Rock/Pop
Grand Hotel van Cleef
13.10.2017
www.kettcar.net

Tracklist:

  1. Ankunftshalle
  2. Wagenburg
  3. Benzin und Kartoffelchips
  4. Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)
  5. Straßen unseres Viertels
  6. Auf den billigen Plätzen
  7. Trostbrücke Süd
  8. Mannschaftsaufstellung
  9. Das Gegenteil der Angst
  10. Mit der Stimme eines Irren
  11. Den Revolver entsichern

Mit dem langersehnten Ich vs. Wir erhalten Kettcarfans eine Platte, die sie musikalisch dort abholt, wo Kettcar sie vor einigen Jahren stehen lassen haben. Typische Indie-Pop Melodien und Gitarren, hier und da verfeinert, durch neue kleine Effekte, Tricks und ein paar Sprechgesänge und Choreinlagen hier und da, machen Ich vs. Wir zu einer Wohlfühlplatte für die geneigten Kettcar-HörerInnen, solange zumindest, bis die Texte Wiebuschs ins Bewusstsein vordringen. Es geht nicht mehr um die kleinen Alltagsproblemchen und die Liebe, sondern um das Jetzt und all die sozialen und politischen Veränderungen, die die letzten Jahre mit sich gebracht haben. Tyrannen an Regierungsspitzen oder ein neues Aufleben der rechten Szene im eigenen Land, um nur einige davon zu nennen.

Bereits die erste Singleauskopplung, das textgewaltige Sommer `89, zeigte die Richtung an, die mit Ich vs. Wir angesteuert wurde. Über die Thematiken der Flucht aus der DDR in die BRD schlagen Kettcar eine Brücke zu den Problemen, die die jüngsten Flüchtlingswellen in Deutschland verursacht haben. So z.B. in Wagenburg -  es werden klare Wort gegen Pegida und ähnliche Bewegungen gefunden.

„Liebling, ich bin gegen Deutschland.“

Mit Mannschaftsaufstellung liefern Kettcar einen ungewohnt kritischen „Fußballsong“ ab, welcher den Fußball als Spiegel für falschen Nationalstolz und diverse rechte Strömungen nutzt. Eine Vorgehensweise, die von einer Hamburger Band vermutlich nicht erwartet wird und doch gehört er zu den stärksten Stücken auf der Platte.

„Und während die einen zeigen,
dass man reden kann,
fangen die anderen dann mal an“

– Worte aus Den Revolver entsichern. Eine kleine Ode an die, die etwas bewegen, etwas ändern. An die, die SIE „Gutmenschen“ nennen.

Jeder Song bietet Textzeilen, die es verdienen würden, an dieser Stelle erwähnt zu werden. Mit Ich vs. Wir stellen Kettcar ein weiteres Mal ihr Können im Umgang mit großen Worten dar und genau das ist es, was dieses Album so hervorragend macht. Wer ein Album mit dieser Stärke abliefert, muss das musikalische Rad nicht neu erfinden.

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Thea Drexhage

Thea Drexhage hat Salma Hayek einiges voraus! 100 mm. Wie die meisten Frauen der Redaktion, Duffy, Beth Ditto, Joan Rivers oder Angus Young kann sie die MusikerInnen aus dem Bühnengraben also völlig problemlos sehen, wenn jemand ihren Hocker trägt, wird aber – das hat sie mit Salma dann doch wieder gemein – dennoch viel zu oft auf Ihre Körpergröße, ihre Mähne und ihre leicht misanthropischen Anflüge reduziert. Damit sie also nicht im nächstbesten Titty Twister von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang Menschenmengen und Bläser mätzelt, halten wir “Aggro-Thea”, die zuvor ganze Landstriche in Mecklenburg Vorpommern ausgerottet hat, halbtags im spießbürgerlichen Oldenburger Exil an der langen Leine. Seither legt sich die scheißpünktliche existentialistische Besserwisserin analog mit Satre, Camus & Kodak an und ja, auch wir müssen neidlos zugestehen, dass der Instagram-Account ihrer beiden Katzen “Salma” und “Hayek” mehr Follower pro Tag hat, als unser webzine im ganzen Jahr.