Danzig: Black Laden Crown (2017) Book Cover Danzig: Black Laden Crown (2017)
Dark Rock
Afm Records (Soulfood)
26.05.2017
www.danzig-verotik.com

Tracklist:

  1. Black Laden Crown
  2. Eyes Ripping Fire
  3. Devil on Hwy 9
  4. Last Ride
  5. The Witching Hour
  6. But a Nightmare
  7. Skulls & Daisies
  8. Blackness Falls
  9. Pull the Sun

(Scheinbar zusammenhangslose Filmreferenz zum Einstieg: In John Hughes Film 'Ferris macht Blau', erschleichen sich Matthew Broderick und seine Freunde einen Tisch in einem Feinschmeckerrestaurant, indem er behauptet, er sei Abe Froman: der Würstchenkönig von Chicago.)

Niemand würde einem 62jährigen Sänger vorwerfen, dass er nicht mehr klingt wie vor 30 Jahren. Natürlich nicht. Blöd nur, wenn dieser Sänger es dann auf Biegen und Brechen versucht, ohne dem Ganzen auch nur ansatzweise nahezukommen. Unweigerlich stellen sich zwei Fragen: "Braucht der die Kohle sooo dringend?", und: "Hat der eigentlich keine Freunde, die ihm mal erzählen, wie kacke das ist?!"

Ich habe noch nie einen Verriss geschrieben. Aber was willste machen? Die Beschissenheit von 'Black Laden Crown' ist ebenso faszinierend wie tragisch. Nicht, dass Danzig jemals fröhliche Musik gemacht hätte, aber dieses Album ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Trauerspiel. (Höhö. Sorry.) Angeblich wurden die Songs im Laufe von neun Jahren geschrieben und seit 2014 im Rahmen verschiedener Sessions aufgenommen. Falls das stimmt, ist es eine dieser Informationen, die niemals hätte leaken dürfen. Wären die Lieder das Ergebnis eines spontanen Probraumwochenendes, bei dem alle Beteiligten mal eben stoned losgejammt haben, um die Aufnahmen anschließend kostenlos für Hardcore-Fans ins Netz zu stellen, würde man über die Qualität nicht meckern. Passt schon. Wenn mensch sich aber vorstellt, dass jemand dieses ereignislose Geschwurbel tatsächlich komponiert und produziert hat, wird es peinlich. So gut wie jeder Song ist völlig frei von Spannungsbögen und -momenten oder mitunter überhaupt einem erkennbaren Arrangement. Stattdessen plätschern die (gefühlt) überlangen Tracks zumeist auf demselben Beat vor sich hin, bevor sie schließlich im Nichts enden.

Klanglich erinnert 'Black Laden Crown' dabei an eine waschechte 90'er Jahre Demoaufnahme; eingespielt in einem billigen Kleinstadtstudio. (Wahrscheinlich bei Mucker-Ede umme Ecke, der früher mal Bassist bei Soundso war, bevor sie bekannt geworden sind. Ach, echt? Ja, ja!) Alles klingt matschig undifferenziert, als wären sämtliche Instrumente auf die engste Stereospur zusammengeschoben worden, so dass die Gitarren selten mehr als ein Hintergrundbrummen sind. Der Oberknüller sind aber ohne Frage die Soli: uninspiriert wäre geschmeichelt. Außerdem sind sie erschreckend schlecht dahingegniedelt, speziell bei 'The Witching Hour', und das, obwohl (?) Prongs Tommy Victor für Bass und Gitarre verantwortlich war. Seufz. Und über allem quält sich der gute Glenn Ton um Ton aus der müden Kehle, ohne dass eine einzige Textzeile beim Hörer hängenbliebe. Ganz ehrlich? Es ist regelrecht mitleiderregend, was einem hier aufgetischt wird.

Kurzer Einschub, ja? Ich protze nämlich gerne mit Sachen, die üblicherweise kein Schwein interessieren. Deswegen: Ich habe Danzigs Debütalbum im August 1988 gekauft, bevor 'Mother' ein Hit war. Und ich habe es geliebt. Den Nachfolger, 'Lucifuge', habe ich 1990 in den USA erstanden, als ich meine bibeltreue Großtante in Ohio besucht habe. Nachdem sie mir eine Woche zuvor noch besorgt erklärt hatte, wie gefährlich Sekten sind, weil ich ein T-Shirt der Band The Cult trug, hat sie das umgedrehte Kreuz auf dem 'Lucifuge'-Cover schon geflissentlich ignoriert. Natürlich habe ich auch dieses Album geliebt. Als anschließend 'How The Gods Kill' erschien, nicht mehr ganz so stark, dafür aber mit schickem Coverdesign von H. R. Giger, war ich immer noch an Bord. Gerade Dirty, uh, Black, uh, Summer hatte es mir mehr als, uh, angetan. Die folgenden Alben sind an mir vorbeigezogen: reingehört, für uninteressant befunden und nicht weiter drüber nachgedacht. Was ich seitdem von Danzig mitbekommen habe, beschränkt sich auf Fotos von ihm beim Katzenstreu kaufen, peinliche Bühnenausraster oder das Video, bei dem er Backstage eine auf's Maul bekommt. Im Laufe der Zeit ist mein ehemaliger Held ein Internet-Meme geworden, das man ungläubig bestaunt, vielleicht sogar teilt, bevor man es irritiert wegklickt.

Doof. Denn ich bin Old School-Fan. Aus genau dem Grund ist 'Black Laden Crown' so schwer zu verdauen: Weil es einen orientierungslosen Künstler am Ende seiner stimmlichen, musikalischen und kreativen Potenz zeigt. Hier gibt es nichts mehr zu holen. Aber auch wirklich gar nichts. (Unvermeidbare Metapher:) Danzigs Musik ist inzwischen genauso schlapp wie seine früheren Muskelberge. Und nochmal: Mir ist klar, dass im Alter jede noch so beeindruckende Stimme nachlässt und man nicht endlos Hits fabrizieren kann. Aber man könnte ja vielleicht die Musik den gesanglichen Möglichkeiten anpassen und sich Co-Songwriter suchen. Oder sich wenigstens überhaupt ein wenig erkennbare Mühe geben? Gott, was isses alles frustrierend, Kinners!

Was ich mir wünschen würde? Dass Rick Rubin sich erbarmt, um mit seinem alten Kumpel, Glenn, ein rohes Southern Gothic-Album aufzunehmen, Alternative Country mit Blueseinschlag, dessen Lyrics von Rimbaud oder Mary Shelley inspiriert sind. Verdanzigte Plattentitel könnten beispielsweise sein: 'Asleep in the Valley of Lucifer' oder: 'To love in Solitude and Pain'. Was weiß ich. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Bis dahin bleibt leider nur festzuhalten: Der ehemalige Schinkengott ist nicht mal mehr ein Würstchenkönig. (s. o.)

1 Mitleidspunkt (weil wegen damals)